12 01 10 Ansprache von Nuntius Périsset beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten 2012

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Ansprache
des Doyens des Diplomatischen Corps,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten

Berlin im Schloß Bellevue, 10. Januar 2012



„Von Vernetzung zu Solidarität“
 

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
 
Gern ist das Diplomatische Corps Ihrer Einladung in das Schloss Bellevue gefolgt, wo Sie uns als den Vertretern vieler Staaten und verschiedener internationaler Organisationen die Gelegenheit geben, Ihnen als dem obersten Repräsentanten des deutschen Volkes sowie seinen Organen und Behörden, die im Dienst des deutschen Volkes tätig sind, unsere besten Wünsche für ein fruchtbares und frohes Jahr 2012 auszusprechen. Wir nehmen diese Gelegenheit gern wahr, um die Beziehungen zwischen unseren Völkern und Deutschland zu festigen. 

Es scheint mir angemessen, bei dieser Gelegenheit zum Inhalt dieser Wünsche einige deutende Überlegungen zu formulieren, die ich unter den Gedanken „von Vernetzung zu Solidarität“ stellen möchte. Um dieses Thema geht es auch bei dem „Brief aus Taizé“, der anlässlich des Europäischen Jugendtreffens der Taizé-Bewegung „Pilgerweg des Vertrauens“ veröffentlicht wurde, das um die Jahreswende in Berlin stattfand.

Heutzutage spricht man gern vom „globalen Dorf“ oder von Globalisierung - dank der Vernetzung der Völker durch Verkehrsmittel, durch Kommunikationsmittel wie Radio, Fernsehen, Internet, durch die Abschaffung von Grenzkontrollen – sei es für Güter und Dienste, sei es für Menschen wie im Schengener Abkommen. Wir selber sind als Vertreter unserer Staaten und Organisationen in Deutschland ein außerordentliches Zeugnis dieser Vernetzung, denn jeder von uns ist zum „Außerordentlichen Gesandten von  …“ ernannt.

Wir stehen vor Ihnen, Herr Bundespräsident, nicht als eine Ansammlung von vielen erfahrenen Persönlichkeiten aus verschiedenen Kulturen und Religionen, sondern als „Corps“, d. h. als Menschen, die einander solidarisch verbunden sind. Als Zeugen der diplomatischen Vernetzung Deutschlands mit aller Welt sind die Mitglieder des Diplomatischen Corps Zeugen der Solidarität der Völker mit Deutschland. In unserem alltäglichen Leben versuchen wir diese zu verwirklichen: durch Berichte an unsere Vorgesetzten, durch Austausch von Delegationen auf Veranstaltungen mit kulturellem oder wirtschaftlichem Charakter, durch Besuche unserer höchsten Vorgesetzten – wie für mich im letzten Jahr durch den erfolgreichen Besuch von Papst Benedikt XVI. Ende September.

Deshalb wird die Solidarität unter den Völkern durch den Austausch bestimmter Werte immer größer, die allmählich zu gemeinsamen weltweiten Werten werden. Wenn Sie das Wortspiel gestatten, bekäme www. (World Wide Web) dank dem Zugang der Menschen zum Internet in diesem Sinne eine zusätzliche Deutung.

Solche Solidarität ist aber dank der Vernetzung nicht nur geographisch zu verstehen, sondern auch historisch, gesellschaftlich und soziologisch. Um zu den jungen Menschen zurückzukehren – wir alle wissen, wie sehr Ihnen, Herr Bundespräsident, deren Zukunft und Bildung am Herzen liegt –, die Solidarität zwischen den Generationen ist ein unerlässlicher Pfeiler im Bau einer erneuerten brüderlichen Gesellschaft, wenn man aus der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise herauskommen will. Dazu möchte ich einen Satz aus der Ansprache zitieren, die Papst Benedikt XVI. am 22. September hier in Schloss Bellevue gehalten hat. Dort sagte er: „Im menschlichen Miteinander geht Freiheit nicht ohne Solidarität … Und dies gilt nicht nur für den Privatbereich, sondern auch für die Gesellschaft.“

Sie, Herr Bundespräsident, und alle staatlichen Organe und Behörden dürfen unser aller Solidarität sicher sein. Mit dieser Zusicherung verbinden wir unsere Glückwünsche für das gerade angefangene Jahr. Möge die Pilgerreise des Vertrauens – im Sinne der Taizé-Bewegung verstanden – für uns alle von Erfolg gekrönt sein.