08 04 12 Ansprache von Nuntius Périsset beim Abschluss des 60. Jubiläumsjahres von Kirche in Not

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Ansprache des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Abschluss des Jubiläumsjahres 60 Jahre Kirche in Not
(Augsburg, 12. April 2008)



„Damit der Glaube lebt“ lautet das Leitwort des Jubiläums der Gründung von Kirche in Not vor 60 Jahren. Man hätte vielleicht eher einen Leitgedanken erwartet, der die „Liebe“ thematisiert, da es sich um ein Hilfswerk handelt - oder ein Wort über die „Hoffnung“, da sich mit „Not“ in unserem Kontext schnell der Gedanke an eine Verbesserung der Situation verbindet. Aber weiterhin ist „Glaube“ der Schwerpunkt, eben weil es sich um ein kirchliches Werk handelt, ein Werk durch, in und mit der Kirche Christi. In diesem Sinne ruft uns Papst Benedikt des öfteren in Erinnerung, dass das Christentum nicht eine Zusammenfassung von Ideen ist, sondern Begegnung mit dem lebendigen Christus.

Die Osterzeit, in der wir stehen, ist uns eine besondere Hilfe zu verstehen, wie der Glaube die Grundlage jeglichen guten Werkes ist - und besonders eines Liebeswerkes wie Kirche in Not, das schon durch sechs Jahrzehnte in seiner Art die Bereitschaft der Kirche und der Gläubigen zu konkreten Projekten der Nächstenliebe im Hinblick auf je neu entdeckte Nöte in der Welt verkörpert, - allen Schwierigkeiten zum Trotz.

1. Das Charisma von P. Werenfried ist in der Gottesliebe verwurzelt - in der Liebe zu Gott und in der Liebe, die von Gott her zu den Mitmenschen führt. So, wie der Apostel Paulus im Hohenlied der Liebe des Ersten Korintherbriefes schreibt: „Die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf“ (1 Kor 13, 4), so hat P. Werenfried auf die Nöte der Zeit, die er kannte, eine Antwort gegeben und aus verschiedenen kleineren Formen der Liebestätigkeit das heutige Hilfswerk Kirche in Not gebildet, die Verkörperung des wunderbaren „incipit“ der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, in dem es heißt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium et spes, Nr. 1). Ich möchte hier kurz etwas erwähnen, was ich von P.Werenfried persönlich gehört habe. Wir waren 1995 zusammen im Zug, auf der Rückreise von Krakau nach Warschau, nach einer Tagung in Tschenstochau, auf der sich kirchliche Hilfswerken für die osteuropäischen Länder mit der Lage nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime beschäftigt hatten. Ich erkundigte mich bei P. Werenfried über die Hilfe für die Seminare der Russisch-Orthodoxen Kirche. Und bald kam er auf das zu sprechen, was er seinen „siebten Hilfsraum“ nannte: China. Das heißt: Russland war der sechste, was zugleich bedeutete: Es gab fünf vorausgehende. Von der Nachkriegshilfe für die Hungernden in Deutschland, für die der junge Prämonstratensermönch bei holländischen Landwirten Schinken sammelte, um sie dann über die Grenze zu bringen, bis hin zu den heutigen Beiträgen zu dem Bau von Schulen, Kirchen und geistlichen Zentren hat P. Werenfried Zeugnis dafür gegeben, dass die Liebe wirklich erfinderisch ist, dass sie in Güte demütig handelt (vgl. 1 Kor 13, 4), ohne Aufhebens davon zu machen - entsprechend dem Sprichwort „Das Gute macht keinen Lärm“. Oder denken wir auch an das Wort Christi: „Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut“ (Mt 6, 3).

In der Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt Papst Benedikt: „Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben. Das wiederum bedingt es, dass Liebe auch der Organisation als Voraussetzung für ein geordnetes gemeinschaftliches Dienen bedarf“ (Nr. 20). Ist eine solche Äußerung nicht ohne Abstriche auf Kirche in Not anwendbar? Das bedeutet dann, dass das Hilfswerk in allen seinen organisatorischen Aspekten Liebe übt und verwirklicht.

2. Ein zweiter Aspekt des Charismas der Liebe bei P. Werenfried ist in der Tatsache zu sehen, dass er seine Liebestätigkeit nicht im Alleingang verwirklicht hat, sondern im Zusammenwirken mit anderen. Ja, die Liebe „bläht sich nicht auf“ (1 Kor 13, 4), schreibt der Apostel Paulus. Liebe ist nicht nur Liebe zum Nächsten, dem ich Hilfe bringe, sondern auch und zuerst Bestandteil meiner Haltung mir selbst gegenüber. So macht es Gott selbst, wenn er in der Kirche und durch die Kirche die Welt erlöst. Die Apostel - und in ihrer Nachfolge die Bischöfe und Priester - hat er zu Vermittlern seiner Gnade gemacht; und jeder Christ, jede Christin ist gerufen, „Salz der Erde, Licht der Welt“ (Mt 5, 13-14) zu sein. Und wozu? „Damit die Menschen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5, 16).

Das Salz schafft Dauerhaftigkeit; das Licht würde uns den Weg nicht erleuchten, wenn es ihn nur blitzartig hell machen würde. Deshalb ist es nötig - und P. Werenfried hat es so verstanden - das Hilfswerk Kirche in Not als Werk der Kirche zu errichten. Sein Charisma, Abbild der Gottesliebe für die Welt zu sein, wird von anderen mitgetragen. Dadurch beweist das Hilfswerk, dass es kirchlich handelt, als „communio“ der Gläubigen in der Nächstenliebe. Nichts anderes wollte der hl. Paulus von den Korinthern, als er ihnen in seinem zweiten Brief an sie in bezug auf die Kollekte für die Armen in Jerusalem schrieb: „ Vom Zeugnis eines solchen Dienstes bewegt, werden sie Gott dafür preisen, dass ihr euch gehorsam zum Evangelium bekannt und dass ihr ihnen und allen selbstlos geholfen habt“ (2 Kor 9, 13).

3. Das dritte Merkmal, das die Tätigkeit von Kirche in Not kennzeichnet, ist ihre missionarische Ausrichtung. Hat nicht Christus selber seinen Jüngern gesagt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet“ (Joh 13, 35)? Ich habe vor einigen Jahren in der französischen Ausgabe von „Kirche in Not“ ein vortreffliches Beispiel dafür gelesen. Ein Bildreporter, der die ganze Welt gesehen hatte, sagte: „Ich glaube nicht an Gott; aber ich habe ihn in der Kirche am Werk gesehen, in den vielfältigen Liebeswerken - in den Armenapotheken, Altenheimen, Krankenhäusern und Schulen -, in denen die Nächstenliebe so großzügig und mit Ausdauer den bedürftigen Menschen erwiesen wird“. In der Enzyklika „Deus Caritas est“ erinnert uns Papst Benedikt daran, dass „das Wesen der Kirche sich in einem dreifachen Auftrag ausdrückt: Verkündigung von Gottes Wort (kerygma-martyria), Feier der Sakramente (leiturgia), Dienst der Liebe (diakonia). Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und sich nicht voneinander trennen lassen“ (Deus caritas est, Nr. 25a).

So ist in der Kirche das Hilfswerk Kirche in Not Träger der Frohbotschaft Christi, Mitarbeiter in der Evangelisierung für die Erlösung der Welt durch seine Hilfswerke im Namen Gottes, weil „Gott die Liebe ist“.