Grußwort von Nuntius Eterovic an S.E. Herrn Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps
Schloss Bellevue, 13. Januar 2026
Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Es ist mir eine Ehre, Eurer Exzellenz als Dekan des Diplomatischen Korps meine besten Wünsche für ein glückliches neues Jahr 2026 zu übermitteln. Dies geschieht selbstverständlich im Namen der Mitglieder des Diplomatischen Korps sowie der Vertreter der internationalen Organisationen, die ihre Mission in der Bundesrepublik Deutschland erfüllen, und insbesondere im Namen von 33 Botschafterinnen und Botschaftern, die ihre Mission im Jahr 2025 begonnen haben und zum ersten Mal an dieser mittlerweile traditionellen Zeremonie teilnehmen. Mit einiger Wehmut erinnern wir die zwanzig Kolleginnen und Kollegen, die ihren Dienst im Verlaufe des Jahres 2025 beendet haben. Mit Blick auf das Jahr 2025 möchte ich Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, für die Einladung danken, die uns am 24. Juni 2025 in das Land Mecklenburg-Vorpommern nach Waren, Ulrichshusen und Rostock geführt hat. Mit dieser geschätzten Initiative haben Sie es uns ermöglicht, Deutschland besser kennenzulernen: seine vielfältige Geografie, seine reiche Kultur- und Religionsgeschichte sowie dessen bemerkenswerte industrielle und technologische Entwicklung.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, auch zu Beginn des Jahres 2026 sehnt sich die Menschheit nach Frieden. Leider ist die Lage auf der Welt sehr ernst und in vielerlei Hinsicht besorgniserregend. Statistischen Daten zufolge ist die Zahl der Kriege zwischen Staaten im vergangenen Jahr gestiegen, von 56 im Jahr 2024 auf 59 im Jahr 2025 (1). Darüber hinaus hat sich der Weltfrieden deutlich verschlechtert: Von 2014 bis heute verzeichneten 100 Länder eine Verschlechterung und nur 62 eine Verbesserung (2). Denken wir nur an die Länder wie: Ukraine, Libanon, Palästina, Israel, Syrien, Sudan, Südsudan, Mali, Burkina Faso, Demokratische Republik Kongo, Haiti, Myanmar, Thailand, Kambodscha sowie die Situation in Gaza und Jemen (3).
Wenn wir über Kriege, Terrorismus und Gewalt sprechen, müssen wir auch an deren schmerzhafte und tragische Folgen denken. In seiner Enzyklika Fratelli tutti, schrieb Papst Franziskus, der im Jahr 2025 gestorben ist: „Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage gegenüber den Mächten des Bösen. Halten wir uns nicht mit theoretischen Diskussionen auf, sondern treten wir in Kontakt mit den Wunden, berühren wir das Fleisch der Verletzten. Schauen wir auf die vielen massakrierten Zivilisten als ‚Kollateralschäden‘. Fragen wir die Opfer. Achten wir auf die Flüchtlinge, auf diejenigen, die unter atomarer Strahlung oder chemischen Angriffen gelitten haben, auf die Frauen, die ihre Kinder verloren haben, auf die Kinder, die verstümmelt oder ihrer Kindheit beraubt wurden. Achten wir auf die Wahrheit dieser Gewaltopfer, betrachten wir die Realität mit ihren Augen und hören wir ihren Berichten mit offenem Herzen zu. Dann können wir den Abgrund des Bösen im Innersten des Krieges sehen, und es wird uns nicht stören, als naiv betrachtet zu werden, weil wir uns für den Frieden entschieden haben.“(4)
Neben Hunderttausenden an Toten und immensen Sachschäden verursachen Kriege auch Migration in großem Ausmaß. Laut den Daten des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen mussten bis Juni 2025 weltweit 122 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, darunter rund 42,5 Millionen Flüchtlinge und 67,8 Millionen Binnenvertriebene; hinzu kommen 8,42 Millionen Asylsuchende. Außerdem gibt es 4,4 Millionen Staatenlose, denen die Staatsbürgerschaft verweigert wird und die keinen Zugang zu grundlegenden Rechten wie Gesundheitsversorgung, Bildung, Arbeit oder Bewegungsfreiheit haben (5).
Der Einsatz von Waffen sowie die Folgen von kriegsbedingter Zerstörung – man denke beispielsweise an die Zerstörung des Nowa-Kachowka-Staudamms in der Ukraine – verursachen verheerende und langanhaltende Umweltkatastrophen. Diese führen zur Zerstörung von Ökosystemen, zur chemischen Kontamination von Boden und Wasser durch beispielsweise Uran und Schwermetalle, zur Abholzung von Wäldern und zu enormen CO₂-Emissionen. Der Militärsektor ist für etwa 5,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (6).
Dieser dramatischen Situation wollen wir nicht tatenlos zusehen; vielmehr muss sie eine Herausforderung für alle Menschen guten Willens sein. Sie stellt in erster Linie Politiker und all jene vor eine Herausforderung, die große Verantwortung für das Schicksal der Menschheit tragen. Sie haben die dringende Pflicht, die internationale Ordnung wiederherzustellen, die in den letzten Jahren erschüttert wurde, wie der vierjährige Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine zeigt. Politiker müssen sich an den Grundsatz erinnern: pacta sunt servanda – Verträge müssen eingehalten werden! Sie sind aufgerufen, die Abkommen zu respektieren, die die legitimen Vertreter ihrer Länder unterzeichnet und ratifiziert haben. In diesem Zusammenhang genügt es, auf die Charta der Vereinten Nationen hinzuweisen, die am 26. Juni 1945, also vor etwa 80 Jahren und nach der Tragödie des Zweiten Weltkriegs verabschiedet wurde, um „den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und zu diesem Zweck wirksame Kollektivmaßnahmen zu treffen, um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen.“(7)
Im vergangenen Jahr wurde der 50. Jahrestag der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) begangen. Die Schlussakte von Helsinki spiegelt die Übereinkunft aller teilnehmenden Länder hinsichtlich der Achtung der Staatsgrenzen wider: „Die Teilnehmerstaaten betrachten gegenseitig alle ihre Grenzen sowie die Grenzen aller Staaten in Europa als unverletzlich und werden deshalb jetzt und in der Zukunft keinen Anschlag auf diese Grenzen verüben. Dementsprechend werden sie sich auch jeglicher Forderung oder Handlung enthalten, sich eines Teiles oder des gesamten Territoriums irgendeines Teilnehmerstaates zu bemächtigen.“ (8)
Diese Bezüge mögen genügen, um die Verantwortlichen für das Schicksal der Nationen erneut zu mahnen und zur Rechenschaft zu ziehen, die Logik von Konfrontation und Krieg aufzugeben und sich dem Dialog im Streben nach einem gerechten und dauerhaften Frieden zu öffnen. Das Dröhnen der Waffen sollte durch das konstruktive Innehalten in einem aufrichtigen und konstruktiven Dialog ersetzt werden, in dem die Diplomatie eine Schlüsselrolle spielen sollte. In diesem Zusammenhang sollten die betroffenen Länder auch den Dialog mit ihren historischen Partnern wiederaufnehmen, gegebenenfalls mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.
Jedoch ist auch der Beitrag jedes Einzelnen wichtig, wie Eure Exzellenz gesagt und dabei die Aktualität des Leitwortes für das Friedenslicht aus Bethlehem in diesem Jahr unterstrichen haben: Ein Funke Mut, wenn Sie sagen: „Wir brauchen Mut, um immer wieder neu anzufangen. Für die großen Dinge, die wir uns als Gesellschaft vornehmen – und für die kleinen Dinge, bei denen jede und jeder von uns sein Bestes gibt – für ein gutes Zusammenleben von uns allen.“(9) Das gilt insbesondere für den gemeinsamen Einsatz bei der Verteidigung jener Werte, die den europäischen Kontinent groß gemacht haben: „In langen Jahrhunderten haben wir gelernt, wie wichtig, ja unverzichtbar Freiheit und Menschenwürde, gerechter Friede und demokratische Selbstbestimmung sind. Das geben wir nicht auf, nicht für uns, nicht für unsere Partner und Freunde. Vieles, was uns wertvoll und unverzichtbar erscheint, wird uns selbst einiges abverlangen. Dazu müssen wir bereit sein – und ich glaube, dazu sind wir bereit.“(10) Dieses Engagement ist für alle Länder der Welt wichtig, insbesondere um den Völkern, die unter den tragischen Folgen des Krieges leiden, realistische Hoffnung zu geben. Sie alle sehnen sich nach einer internationalen Gemeinschaft, wo die Stärke des Rechts gilt und nicht das Recht des Stärkeren.
Verehrter Herr Bundespräsident, das Jahr 2026 wird politisch in Deutschland von Wahlen in fünf Bundesländern geprägt sein. Wir hoffen, dass dieser Prozess in einem Land gefestigter Demokratie friedlich und unter gegenseitiger Achtung und jener des legitimen politischen Pluralismus im Rahmen der Verfassung verläuft. Dies gilt selbstverständlich auch für die Europäische Union, in der Deutschland eine wichtige Rolle zu spielen hat, und bleibt für die ganze Welt von Bedeutung, in der ein Europa der Werte einen unverzichtbaren Beitrag für das Fundament ihres geistigen, sozialen und kulturellen Wohlergehens leistet.
Mit diesen Gedanken übermittle ich Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen Bewohnern der Bundesrepublik Deutschland meine besten Wünsche für ein gutes Jahr 2026 und bitte den Allmächtigen um seinen Segen für alle!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
1 Vgl. Global Peace Index 2025, in: www.visionofhumanity.org – S. 2 abgerufen am 07.01.2026.
2 A.a.O., S. 4.
3 Vgl. Papst Leo XIV., Botschaft zu Urbi et Orbi, 25. Dezember 2025.
4 Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti, Nr. 261.
5 Vgl. Seite des UNHCR: www.unhcr.org – News releases vom 11. Juni 2025.
6 Vgl.: https://wissenschaft-und-frieden.de/artikel/umweltzerstoerung-eine-konfliktursache/ - abgerufen am 07.01.2026; Manabendra Nath Bera, Militarism: A Leading Cause of Environmental and Climate Crises in: https://www.iuscientists.org/militarism-and-climate-crises/ vom 28.04.2025 - abgerufen am 07.01.2026.
7 Kapitel 1, Artikel 1 – siehe: https://unric.org/de/charta/#kapitel1 – abgerufen am 07.01.2026.
8 III. Unverletzlichkeit der Grenzen – siehe: https://www.osce.org/sites/default/files/f/documents/6/e/39503.pdf - abgerufen am 07.01.2026.
9 Weihnachtsansprache von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier 2025 – siehe: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2025/12/251225-Weihnachtsansprache.html - abgerufen 07.01.2026.
10 A.a.O., ebd.
