Predigt von Nuntius Eterovic am 2. Fastensonntag

Apostolische Nuntiatur, 25. Februar 2024

(Gen 22,1-2.9-13.15-18; Ps 116; Röm 8,31-34; Mk 9,2-10)

„Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7).

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Ersten Fastensonntag haben wir über Jesus in der Wüste nachgedacht. In der dort von ihm gemachten Erfahrung haben wir die Person des Herrn in seiner menschlichen Natur erfasst, die sich gut auf das öffentliche Wirken, das ihn erwartete, vorbereiten musste. An diesem Zweiten Fastensonntag lädt uns das Evangelium des heiligen Markus dazu ein, mit Jesus „auf einen hohen Berg“ zu steigen (Mk 9,2), um Zeugen seiner Verklärung zu werden. In diesem Ereignis können wir die göttliche Natur Jesu erahnen, die zusammen mit der menschlichen Natur sein ungeteiltes Sein bildet: Gott und Mensch. Somit sind in einer einzigen Person zwei Naturen beisammen. Das Konzil von Chalcedon (451) lehrt, dass die beiden Naturen sich weder vermischen noch verändern, sondern zugleich rein und ungeteilt sind; diese Einheit löscht die Differenz der Naturen nicht aus, deren jeweilige Eigenschaften erhalten bleiben und in einer einzigen Person zusammenkommen.

Wir müssen uns dieser Sicht auf Jesus Christus bewusst bleiben, um das Ostergeheimnis besser zu verstehen, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Die Verklärung des Herrn ist hierbei eine bedeutende Wegmarke auf diesem Pfad des christlichen Glaubens. Ihr Höhepunkt ist das Zeugnis des himmlischen Vaters (I). Doch auch die Begegnung Jesu mit Moses und Elia ist von Bedeutung (II). Mit der Erfahrung der drei Apostel werden auch unsere und der ganzen Kirche Erwartungen, Ängste und Hoffnungen zum Ausdruck gebracht (III).

  1. „Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“(Mk, 9,7).

Die Stimme Gottes bei der Verklärung Seines Eingeborenen Sohnes bildet den Höhepunkt der vom Evangelisten Markus beschriebenen Theophanie. Auf einem hohen Berg, an einem abseits gelegenen Ort, der zum Beten, Betrachten und zur Begegnung mit Gott wie geschaffen ist, ereignet sich die Offenbarung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Der Vater gibt Zeugnis für Jesus: „Dieser ist mein geliebter Sohn“ (Mk 9,7). In der Wolke, durch die der Vater spricht, können wir den Heiligen Geist erahnen, denn in der Bibel wird mit der Wolke oft die wirkliche und zugleich geheimnisvolle Gegenwart von Gottes Geist ausgedrückt. Beide also, Vater und Geist, bezeugen Jesus als den geliebten Sohn, der verwandelt erscheint. Denn in der Verklärung ist Jesus von Licht erfüllt: „Seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann“ (Mk 9,3). Es ist zu unterstreichen, dass die menschliche Natur Jesu bei der Verklärung nicht verschwindet, sondern verwandelt und mit Glanz erfüllt wird. Doch Jesus verweilt nicht längere Zeit in diesem Zustand der Herrlichkeit. Er muss seine Sendung und seinen Weg nach Jerusalem fortsetzen, in jene heilige Stadt, wo er gekreuzigt werden wird. Es ist nicht allein der Mensch Jesus, der Leiden und Tod annimmt, sondern auch der geliebte Sohn Gottes, des Vaters. Daher hat sein Opfer einen unendlichen Wert. Mit der Bezeugung Jesu als Sein geliebter Sohn ist die Aufforderung des Vaters verbunden: „Auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7). Die Apostel, ihre Schüler und alle Christen müssen auf Jesus hören, den Messias, den Menschen und Gott, in dessen Namen allein die Menschen gerettet werden können (vgl. Apg 4,12).

  1. „Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus“ (Mk 9,4).

Das Leben und die Sendung Jesu Christi geschehen nicht einfach so, sondern stimmen mit dem Heilswillen des dreieinen Gottes überein. Und hierauf wurde im Verlauf der Heilsgeschichte vorbereitet. Davon geben die Bücher des Alten Testamentes Zeugnis, das seine volle Verwirklichung nach christlicher Auslegung in der Person und dem Wirken des Herrn Jesus findet. Daher ist die Gegenwart zweier Persönlichkeiten sehr bedeutsam, die das Alte Testament symbolisieren. Es handelt sich um Mose, der von JHWH erwählt worden war, Sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens zu befreien, und um Elia, jenen großen Propheten, der nach einer langen und lebendigen Tradition des jüdischen Volkes vor dem Kommen des Messias zur Erde wiederkehren wird. Jesus selbst hat seinen Jüngern über das Kommen des Elia versichert: „Elija ist schon gekommen, doch sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie wollten“ (Mt 17,12). Hierbei nimmt er Bezug auf Johannes den Täufer, der von Herodes Antipas ins Gefängnis geworfen und umgebracht worden war (vgl. Mk 6,17-28). Nach dem Evangelisten Markus redeten Mose und Elia mit Jesus (vgl. Mk 9,4). Aus dem Kontext können wir schließen, dass die Natur des Messias und seine Mission Gegenstände ihres Gespräches waren, was Leiden, Tod und den Weg zur Auferstehung eingeschlossen haben muss.

  1. „Jesus nahm Petrus, Jakobus und Johannes beiseite“(Mk 9,2).

Zeugen der Verklärung des Herrn Jesus waren die zuvor ausgewählten drei Jünger: Petrus, Jakobus und Johannes. Jene Drei begleiteten Jesus auch bei anderen wichtigen Gelegenheiten, wie beispielsweise zum Garten am Ölberg vor seiner Passion (vgl. Mt 26,26). Petrus wird im Evangelium in gewisser Weise herausgestellt. Als er die Schönheit der Verklärung erfährt, möchte er diese erhebende Erfahrung verlängern und sagt daher zu Jesus: „Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija“ (Mk 9,5). Sogleich aber fügt der Evangelist hinzu: „Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte“ (Mk 9,6). Für alle drei Jünger gilt nämlich, dass „sie vor Furcht ganz benommen waren“ (Mk 9,6). Die Haltung des Petrus bei der Verklärung erinnert uns an sein Glaubensbekenntnis in Cäsarea Philippi, wo er im Namen der Zwölf Zeugnis für Jesus abgelegt hat: „Du bist der Christus“ (Mk 8,29). Doch kurz darauf wird Petrus scharf vom Meister zurechtgewiesen, weil er ihn von Leiden und vom Tod abhalten wollte: „Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk 8,33). Auch bei der Verklärung ist der Gedanke an das Ostergeheimnis gegenwärtig. Denn „während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei“ (Mk 9,9). Weil sie die Rede Jesu über die Auferstehung von den Toten nicht verstanden, „beschäftigte sie dieses Wort“ (Mk 9,10).

Auch wir, liebe Schwestern und Brüder, können uns persönlich, wie auch als kirchliche Gemeinschaft oft mit dem Apostel Petrus und den anderen Jüngern identifizieren, die sich vor einem leidenden Messias fürchteten, der gedemütigt, verurteilt und gekreuzigt wird. Die Furcht steigt noch mehr in Erinnerung an die Worte Jesu: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Doch es gibt keinen anderen Weg zum Heil außer über das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus, durch das, wie der heilige Paulus sagt, „mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal 6,14). Um in diese Glaubenslogik einzutreten, braucht es die Gabe des Heiligen Geistes, der uns die unendliche Größe der Liebe Gottes verstehen lässt. Dem Vater im Himmel gefällt das Opfer der Liebe seines geliebten Sohnes, das er für uns und zu unserem Heil dargebracht hat.

Im Glauben an den verherrlichten Herrn vereint, der über Sünde und Tod siegreich ist, können wir vertrauensvoll die kleinen und großen persönlichen Leiden und die der Welt tragen, wie beispielsweise die tragischen Kriege in Ukraine, dem Heiligen Land und in Afrika, wo viele Menschen, vor allem die unschuldigen Kinder, großes Leid zu tragen haben. In diesen Momenten des Leidens und der Prüfung kommt uns die Erinnerung an die Verklärung zu Hilfe, an der wir persönlich teilhaben. Das bedeutet vor allem, die Erfahrung der tiefen Einheit mit Jesus zu machen, der verherrlicht und mitten unter uns gegenwärtig ist, vor allem in den Sakramenten und besonders in der Eucharistie. Diese geschenkte Erinnerung an die erlebten Gnadenzeiten tiefer Einheit mit dem Herrn Jesus hilft uns, die harten Schmerzen und vielfachen Prüfungen zu erdulden. Diese werden vergehen, die Freude der Verklärung jedoch bleibt auf ewig.

Die selige Jungfrau Maria, die Mutter der Kirche, gibt uns ein leuchtendes Vorbild des gläubigen Vertrauens auf Gott, den Vater, Sohn und Heiligen Geist, sei es in den frohen, sei es in den schmerzvollen Zeiten des Lebens. Vertrauen wir ihrer mächtigen Fürsprache unsere Bedürfnisse und Erwartungen an, aber auch die Schwierigkeiten und Leiden, auf dass sie für uns die Gabe des Heiligen Geistes erflehe, die uns fähig macht, aufmerksam die Worte Gottvaters zu hören und sie in die Tat umzusetzen: „Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7). Amen.

Zurück