Predigt von Nuntius Eterovic am 2. Sonntag der Weihnachtszeit
Apostolische Nuntiatur, 4. Januar 2026
(Sir 24,1-2.8-12; Ps 147; Eph 1,3-6.15,18; Joh 1,1-18)
„Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5).
Liebe Schwestern und Brüder,
die Weihnachtszeit hat uns in besonderer Weise bewusst gemacht, wie sehr sich die Menschen weltweit nach Frieden sehnen. Besonders die seit fast vier Jahren unter dem Angriffskrieg leidenden Menschen in Ukraine, jener Kornkammer des östlichen Europas, hören den Vers aus dem heutigen Antwortpsalm sehr sensibel, wenn es heißt: „Er verschafft deinen Grenzen Frieden, er sättigt dich mit bestem Weizen“ (Ps 147,14). Der Herr Jesus ist der „Fürst des Friedens“ (Jes 9,5), bei dessen Geburt die Engel sangen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen“ (Lk 2,14). Der Lobpreis der Engel, wie überhaupt die Botschaft des Weihnachtsfest bleiben in hohem Maße aktuell.
Das Wort Gottes an diesem zweiten Sonntag der Weihnachtszeit variiert das Festgeheimnis, indem es den Spannungsbogen von der Erschaffung der Welt bis zur Erwählung spannt. Sogar schon vor der Schöpfung „hat er uns erwählt“ (Eph 1,4) und so eine rein weltliche Logik außer Kraft gesetzt. Auf diese Weise unterstreicht der heilige Apostel Paulus die Würde unserer Erwählung durch Gottvater und die damit verbundene Berufung zur Heiligkeit, „damit wir heilig und untadelig leben vor ihm“ (Eph 1,4). In diese Dynamik wird nochmals der Prolog des Johannesevangeliums verkündet. Die Fleischwerdung des Logos lädt die Menschen ein, erleuchtet zu werden vom „Licht vom Lichte“, denn „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Auf diese Weise offenbart sich in negativer Weise auch die Finsternis, die einerseits das Licht nicht erfasst, nicht erleuchtet sein will, und anderseits das Licht nicht überwältigen kann. Die erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach kündet von der Weisheit, die vom Schöpfer des Alls ausgesandt wurde, um das erwählt Volk zu unterweisen. Sie kommt auf dem Zion in Jerusalem zur Ruhe, mehr noch, sie „schlug Wurzeln in einem ruhmreichen Volk“ (Sir 24,12). Das bedeutet, die göttliche Weisheit hat das erwählte Volk erleuchtet. Die Weisheit ist es, die Jakob das göttliche Wort verkündet und „Israel seine Gesetze und seine Entscheide. An keinem anderen Volk hat er so gehandelt“ (Ps 147,19-20). So wie also die Erwählung des Menschen vor der Erschaffung der Welt geschieht, so erleuchtet das Licht Gottes, nämlich der geliebte Sohn des Vaters (vgl. Eph 1,6) die weltliche Finsternis, denn im Herrn Jesus „haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,7).
„Das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5).
Die Metapher von Licht und Dunkel, womit das Gute und das Böse charakterisiert wird, ist in dieser winterlichen Zeit eingängig und leicht zu begreifen. Schon im Alten Testament ist Licht sowohl das natürliche Licht des Tages wie auch das künstliche Licht der Lampe, die beispielsweise den dunklen Raum erleuchtet. Die Finsternis hingegen ist neben der Düsternis des Bösen auch als Schatten des Todes zu verstehen. Der vom erwählten Volk ersehnte Messias ist wie das von Gott gesandte Licht, wie es beispielsweise im Lobgesang des Zacharias heißt: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79). Hier wird die Metapher von Licht und Dunkel durch die Heilszusage des himmlischen Vaters erweitert und dieses Heil als „Weg des Friedens“ qualifiziert. Der Weg des Friedens wurde im Geheimnis der Weihnacht Mensch, die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ist Fleisch geworden nach dem Heilsplan des himmlischen Vaters, der in der Gnade des Heiligen Geistes geschieht: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm (Jesus Christus) wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut“ (Kol 1,19-20). Hier ist der Heilsweg Christi als Weg der Versöhnung beschrieben, der am Kreuz als Frieden gestiftet worden ist. Insofern sind Frieden und Versöhnung in der christlichen Verkündigung synonym zu verstehen oder wie der Heilige Vater Leo XIV sagt: „Der Frieden ist ein ständiger Weg der Versöhnung“ (Ansprache Gebetstreffen für den Frieden, 28. Oktober 2025). Die Versöhnung ist also jenes Licht, das in der Finsternis des Unfriedens leuchtet. Sie ist am Kreuz gestiftet und verbindet sich mit dem ersten Gruß des Auferstandenen am Ostertag: „Der Friede sei mit euch“ (Joh 20,19.21). Nach Papst Leo XIV. entfaltet die Versöhnung – und damit in letzter Konsequenz der österliche Frieden – seine Kraft vor allem im Gebet und in der Meditation: „Das menschliche Herz muss sich nämlich für den Frieden bereitmachen, und in der Meditation öffnet es sich, im Gebet tritt es aus sich heraus: in sich selbst einzukehren, um aus sich selbst herauszutreten“ (a.a.O., ebd.). Frieden und Versöhnung bilden letztlich den Horizont der Hoffnung, wozu wir in Jesus Christus berufen sind: Denn Gottvater „erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid“ (Eph 1,18). Und diese Hoffnung kann keine Finsternis zerstören!
Zeuge des Lichtes
Im heutigen Evangelium, das nochmals den Johannesprolog bietet, ist vom Vorläufer Johannes die Rede. Er wird als Zeuge des Lichtes beschrieben (vgl. Joh 1,7). Licht ist der Logos, der Leben schafft und lebendig ist und in diesem Leben das Licht der Menschen ist. Die Gestalt Jesu Christi ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9). Johannes ist damit der wirkliche Vorläufer Jesu, denn „er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht“ (Joh 1,8). Das Ziel seines Zeugnisses für das Licht ist, dass „alle durch ihn zum Glauben kommen“ (Joh 1,7). Mit diesem Ziel dürfen wir uns alle mit Johannes dem Vorläufer identifizieren und folgen, denn für jeden von uns gilt, was Johannes sagt: „Er ist mir voraus, weil er vor mir war“ (Joh 1,15). Der Herr Jesus ist uns immer voraus und kommt immer zuerst. Nicht wir sind das Licht, sondern wir geben Zeugnis für den, der sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12). Sowohl das Zeugnis, das wir für das Licht ablegen, wie auch der Glaube an Ihn, der uns das Licht des Lebens gibt, sind Gaben und Gnaden aus der göttlichen Fülle (vgl. Joh 1,16). Der Finsternis dieser Welt, dem Mangel an Liebe, der Finsternis von Krieg, Gewalt und Terror wird nicht nur etwas entgegengehalten, sondern alles, die göttliche Fülle gegen das menschliche Versagen, das All gegen das Nichts. Als Gläubige sind wir aufgefordert, darum zu beten, in rechter Weise Zeugnis für das Licht ablegen zu können. Das ist das, was der Heilige Vater Leo XIV. das Hineingehen in sich selbst, nämlich das Meditieren, dem das Herausgehen aus sich selbst folgt, was nichts anderes ist, als das Gebet als Zeugnis zu verstehen. Und dieses Zeugnis ist nicht „Satzung von Menschen“ (Mt 15,9), also kein Menschensatz, sondern Zeugnis für das göttliche Wort, den Logos, für Jesus, den wahren Menschen und wahren Gott, durch den „Gnade und Wahrheit kamen“ (Joh 1,17).
Liebe Schwestern und Brüder, unser christliches Leben soll ein Zeugnis dafür sein, das wir erleuchtete Menschen sind, Christen, die mit ihrem Leben mehr Licht in diese dunkle Welt tragen. Das können wir an den Orten, wo wir leben und wirken. Dann tragen wir Jesus Christus in die Welt, denn wir sind Kinder Gottes geworden (vgl. Joh 1,12). Die selige Jungfrau Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter, erflehe uns die göttliche Gnade, Frauen und Männer des Gebetes zu sein, und um die Erleuchtung der Augen unserer Herzen, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind (vgl. Eph 1,18). Amen.
