Predigt von Nuntius Eterovic am 3. Adventssonntag

Dachau, Karmel Heilig Kreuz, 15 Dezember 2019

(Jes 35,1-6.8.10; Ps 146; Jak 5,7-10; Mt 11,2-10)

„Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3).

Ehrwürdige Schwestern,
liebe Brüder und Schwestern!

Der göttlichen Vorsehung bin ich dankbar, diese Heilige Messe hier in der Todesangst-Christi-Kapelle in Dachau mit Euch feiern zu können, verehrte Karmelitinnen. Schon lange wollte ich als Apostolischer Nuntius und somit als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus hierher nach Dachau kommen. Ich freue mich, Euch die herzlichen Grüße des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche zu überbringen. Gleichzeitig danke ich Euch für das immerwährende Gebet, mit dem Ihr sein pastorales Wirken für das Wohl der Kirche und der ganzen Welt begleitet. Am Ende der Heiligen Messe erteile ich Euch von Herzen den Apostolischen Segen als Zeichen der tiefen geistlichen Verbundenheit mit dem Römischen Pontifex, der als Nachfolger des Heiligen Petrus „das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23) ist.

Unsere Begegnung am Tisch des Herrn fällt auf den Dritten Adventssonntag, der traditionell der Sonntag Gaudete genannt wird. Dieser Name ist dem Introitus entnommen, wo es heißt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe“ (Phil 4,4-5). Der Grund christlicher Freude ist die Nähe des Hohen Weihnachtsfestes, auf das wir zugehen. Spontan kommt uns aber die Frage in den Sinn, wie wir uns im Herrn freuen können an einem Ort des Leidens und der Schmerzen wie hier im Konzentrationslager von Dachau? Wie sich im Herrn freuen im ersten schon im März 1933 von den Nationalsozialisten errichteten Lager, das zum Modell für alle anderen noch kommenden Vernichtungsstätten wurde? Bei der Suche nach Elementen zu einer christlichen Antwort auf diese Fragen kommt uns das Wort Gottes zu Hilfe, das wir gehört haben, besonders der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium. Darin äußert Johannes der Täufer Zweifel an der wahren Identität Jesu (I). Der Herr zerstreut diese Zweifel und bietet eine wahre Vision seiner Sendung in der Welt (II).

1. Die Frage Johannes‘ des Täufers

„Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3). Johannes richtet mittels seiner Jünger an Jesus diese Frage. Er kann ihm nicht persönlich begegnen, da er auf Befehl des Tetrarchen Herodes im Gefängnis ist (vgl. Mt 14,1-12). Johannes hatte von Jesus und seinen Werken gehört. Er war sich aber nicht sicher, ob Jesus der wahre Messias ist, den das erwählte Volk erwartete. Der Täufer hatte den Messias als strengen Richter präsentiert: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen“ (Mt 3,10). Jesus hingegen zeigt sich stets als gut und barmherzig, als einer, der gekommen ist, das verlorene Schaf zu suchen (vgl. 18,12-14), der jemandem, der ihn beobachtet hat, wie er mit Zöllnern und Sündern isst, antwortet: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mk 2,17).

Ähnliche Zweifel erheben sich auch an diesem Ort des Schreckens, im Konzentrationslager Dachau. Auch wir könnten fragen, wie Gott einen Ort so großen Leids zulassen konnte? Wo war Gott in Dachau in den langen Jahren ungeheurer Leiden der etwa 200.000 Menschen, von denen 25.631 im Hauptlager und weitere 10.000 in den Nebenlagern starben. So fühlen auch wir uns berechtigt, Jesus die Frage von Johannes dem Täufer zu stellen: „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3).

2. Die Antwort Jesu

Der Herr Jesus hat Johannes geantwortet, und er will auch auf unsere Zweifel mit konkreten Fakten antworten. Wenn wir das auf die Bedeutung des Leids in Dachau und den anderen zahlreichen Schreckensorten anwenden, ist festzuhalten, daß Jesus nicht theoretische Vorträge hält, die abstrakt über die Natur des Bösen und dessen Verbreitung in der Welt handeln. Jesus Christus bietet dem eingekerkerten Johannes folgende praktische Argumente: „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf“ (Mt 11,5). All dies müsste dem Johannes bekannt sein, denn sie wurden vom Propheten Jesaja als Zeichen der Ankunft des Messias verheißen (vgl. Jes 35,5-6), und genau das wird jetzt von Jesus in die Tat umgesetzt. Jesus fügt jedoch der Verheißung des Jesaja zwei bedeutende Aussagen hinzu: „Den Armen wird das Evangelium verkündet“ und: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt“ (Mt 11,5-6). Den Worten des Herrn Jesus können wir den Bezug auf jenen großen Skandal entnehmen, der das Kreuz ist. Im Gegensatz zu einem im politischen Sinne mächtigen Messias, der bei einer Rebellion gegen die römische Besatzungsmacht verlieren würde, zeigt sich Jesus wie ein gescheiterter Prophet, der sein Leben am Holz des Kreuzes zu beenden bereit ist. Wir wissen aber, daß es sich um ein vorübergehendes Scheitern handelt, denn der Herr ist von den Toten auferstanden und zur Rechten des himmlischen Vaters erhöht. Er, der verherrlichte Herr, wird wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten und um sein ewiges Reich zu errichten, das offensteht für alle seine Jüngern, den zahllosen von den Mächtigen der Welt Verfolgten sowie allen Opfern von Glaubenshass. Von diesem Sieg über die Sünde und den Tod finden wir auch in diesem Konzentrationslager konkrete Spuren. Sind nicht diese Todesangst-Christi-Kapelle, die evangelische Versöhnungskirche, die russisch-orthodoxe Kapelle, das jüdische Mahnmal und Euer Karmel vom Heiligen Blut Symbole hierfür? Und in besonderer Weise ist es Euer Konvent, liebe Schwestern, die ihr durch die Anbetung und das Sühnegebet am Umwandlungsprozess im Inneren des sündigen Menschen, der zu unfassbarer Grausamkeit fähig ist, zur Geburt des neuen Menschen teilhabt. Dieser neue Mensch ist nicht nur als Ebenbild Gottes geschaffen, sondern auch fähig, diese Ebenbildlichkeit in den herausfordernden Situationen der Weltgeschichte zu bewahren und so seinen Beitrag zur Schaffung einer neuen Menschlichkeit zu leisten. Ein Zeichen der geistlichen Umwandlung dieser Hölle von Dachau bildet besonders die Zahl der bisher 57 Seligen, davon 45 allein aus Polen. Im Erzbistum München und Freising wird seit dem Jahr 2017 jeweils am 12. Juni liturgisch der Seligen Märtyrer von Dachau gedacht. In diesem Zusammenhang sei heute besonders an die Priesterweihe des deutschen Seminaristen Karl Leisner vor fast genau 75 Jahren erinnert. Er wurde vom französischen Bischof von Clermont-Ferrand, Mons. Gabriel Piguet, am 17. Dezember 1944 geweiht. Der Bischof war in Dachau interniert, weil er dabei geholfen hatte, Juden zu verstecken. Während seiner dritten Apostolischen Reise nach Deutschland hat der Heilige Johannes Paul II. am 23. Juni 1996 den jungen Priester Karl Leisner, der am Stephanstag 1944 hier im Lager Dachau seine erste und einzige Heilige Messe gehalten hat, seliggesprochen. Bei dieser Eucharistiefeier im Olympiastadion in Berlin wurde ebenfalls der Dompropst der Hedwigskathedrale, Bernhard Lichtenberg, seliggesprochen, der am 05. November 1943 auf der Gefangenenfahrt ins Lager Dachau im oberfränkischen Hof gestorben ist.

Mit Blick darauf ist daran zu erinnern, daß der Heilige Stuhl die Deportationen von Priestern zwar nicht verhindern konnte, jedoch wenigstens erreichte, daß sie in demselben Lager, eben in Dachau, interniert wurden und hier vor allem in den Baracken der Nummern 26, 28 und 30 untergebracht waren. Nach Dachau wurden 2.579 Priester, Seminaristen und Ordensmänner aus verschiedenen Ländern Europas verschleppt, die meisten aus Polen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden aus dem Dachauer Lager etwa 800 polnische Priester befreit. Die Zahl der deutschen Priester und Religiosen im Lager liegt bei 447. Über die erwähnten 2.579 Katholiken hinaus wurden 141 evangelische Pfarrer und orthodoxe Priester interniert. Die Zahl der Toten liegt insgesamt bei 1.034 Personen.

Die zweite bedeutsame Aussage Jesu verdient unsere Aufmerksamkeit: „Den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Das Evangelium (εὐ-αγγέλιον) ist eine gute Nachricht und bedeutet zugleich eine frohe Botschaft. Diese frohe Botschaft wird den Armen verkündet, also jenen, die am Rande der Gesellschaft stehen und nach menschlichen Maßstäben wenig Grund zur Freude haben. Jesus jedoch besteht auf diese Wahrheit. In der Bergpredigt, der Magna Charta des Christentums, stellt Jesus jene Seligpreisung an die erste Stelle, die den Armen gilt: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20). Der Evangelist Matthäus führt näherhin aus, daß es sich um die Armen im Angesicht Gottes handelt, was früher auch mit „arm im Geiste“ oder „geistlich arm“ übersetzt wurde: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). In jedem Fall aber haben die Armen Grund zur Freude, denn sie sind die ersten Adressaten des Evangeliums, der frohen Botschaft. Sie sind es auch, die mit Blick auf die Gewichte der materiellen Güter freier sind und somit offener für den Glauben und die geistlichen Dinge. Auf diese Weise dringt die Freude erneut in die christliche Weltsicht ein, auch in einer Welt der Verwüstung, der Angst, des Hasses und des Todes. Diese Freude gründet sich auf Jesus Christus und auf sein Kreuz, das von einem Zeichen des Scheiterns zum Symbol des Sieges, der Auferstehung, des ewigen Lebens wurde.

Auch im Konzentrationslager war die selige Jungfrau und Gottesmutter Maria gegenwärtig, nicht allein in der Verehrung der Gläubigen, sondern auch als Figur, die in Eurem Kloster, liebe Schwestern, als Madonna von Dachau bewahrt und verehrt wird. Als Mutter des Erlösers, als Immerwährende Hilfe und vor allem als die Trösterin der Betrübten war sie ab dem Osterfest 1943 die Mutter der Gefangenen. In dieser Zeit des Advents vertrauen wir unsere Überlegungen und unsere Gebete für den Frieden in der Welt, um Versöhnung zwischen den Völkern, zur Beendigung der Kriege, Feindseligkeiten und der Gewalt ihrer mächtigen Fürsprache an. An diesem Ort erfassen wir tiefer, wie ohne Zweifel erhaben und gültig das Gebot des allmächtigen Gottes ist: „Du sollst nicht töten!“ (Dtn 5,17). Möge das Opfer so vieler Menschen, die in Dachau und allen vielen anderen Todesorten gelitten haben, die Gewissen aller Menschen aufrütteln, besonders jener, die in der Welt Verantwortung tragen. Sie mögen sich für die Förderung des Friedens, der Solidarität unter den Völkern, des Fortschritts, des Respekts und der Würde eines jeden Menschen einsetzen, der das Ebenbild Gottes ist. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns und für unsere Welt. Amen.

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