Predigt von Nuntius Eterovic am 6. Sonntag im Jahreskreis

Berlin, 17. Februar 2019

(Jer 17,5-8; Ps 1; 1 Kor 15,16-20; Lk 6,17.20-26)

„Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20).

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Seligpreisungen bringen das Wesen des Evangeliums Jesu Christi zum Ausdruck, die Logik seiner Verkündigung über das Reich Gottes, das unter uns schon gegenwärtig ist, aber seine Erfüllung im ewigen Leben erfahren wird. Wir erkennen, daß der Inhalt der Seligpreisungen nicht leicht zu begreifen ist, und noch schwerer ist es, sie anzunehmen und in die Praxis umzusetzen, denn sie widersprechen der Geisteshaltung der Welt, was einen großen Einfluss auch auf uns Christen hat. Daher erbitten wir die Gabe des Heiligen Geistes, damit wir in rechter Weise das Wort Gottes erfassen und die Lehre des Herrn Jesus annehmen, um in die große Schar der Seligen eingereiht zu werden, die zum Reich Gottes gehören.

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf die Vorbereitungen Jesu lenken (I), wie bei der biblischen Bedeutung des Ausdrucks „selig“ (II), um sodann bei der ersten der vier Seligpreisungen des Evangelisten Lukas zu verweilen (III).

1. Die Wahl der Zwölf

Vor der öffentlichen Proklamation der Seligpreisungen zog sich Jesus Christus auf einen Berg zurück, um zu beten. Jedes Mal, wenn Jesus vor einer wichtigen Entscheidung stand, sammelte er sich im Gebet. Er wollte sicher sein, den Willen Gottes, seines Vaters zu erfüllen, mit dem er über den Heiligen Geist in Kontakt trat. Nach dem Gebet, das die ganz Nacht über dauerte (vgl. Lk 6,12), „rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel“ (Lk 6,13). Die Geste des Herrn Jesus ist bedeutsam. Mit der Wahl der zwölf Apostel wollte er die Einheit Israels wiederherstellen, jenes erwählten Volkes, das aus zwölf Stammen gebildet worden war. Das Wort Apostel (απόστολος) bedeutet „Gesandter“. Jesus hat die Apostel erwählt, um sie zu senden, den Nahen und den Fernen das Evangelium, die gute Nachricht zu verkünden.

Nach dieser wichtigen Entscheidung steigt Jesus mit den Zwölfen vom Berg herab „in die Ebene“ (Lk 6,17), wo viele Menschen waren, darunter „eine große Schar seiner Jünger“ (Lk 6,17). Die Unterscheidung zwischen den Zwölf und den anderen Jüngern zeigt, daß die Botschaft, die Jesus an alle gerichtet ist, die an ihn glauben und ihm folgen, sei es in der radikalen Weise der Apostel oder, wie es bei den meisten der Fall war, durch ein normales Leben und in der alltäglichen Arbeit. Auch viele in der „Volksmenge“ werden gerufen, seine Jünger zu werden. Alle „waren gekommen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden“ (Lk 6,18). Der Herr Jesus legt zunächst Wert auf die Lehre; die Kranken werden geheilt, nachdem er die Merkmale des Reiches Gottes dargelegt hat, das in seiner Person und durch seine Botschaft inmitten der Menschen erschienen ist.

2. Die biblische Bedeutung von „selig“

Die Begriffe selig, Selige finden sich schon im Alten Testament. Es reicht, an den Psalm 1 zu erinnern, der auch in der heutigen Liturgie verwendet wird und mit den Worten beginnt: „Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt“ (Ps 1,1). Dieser Ausruf, diese Wortwahl drückt Kraft und Hoffnung aus, um zeigen, was mit einer Person oder einer Gruppe von Gläubigen geschieht, die von Gott gesegnet ist. Jede Seligpreisung enthält eine Verheißung des segensreichen Eingreifens Gottes. In den Evangelien verwendet Jesus oft diese Worte, die somit nicht allein auf die Bergpredigt beschränkt sind. Es genügt, an das Gespräch Jesu mit einer Frau aus der Menge zu erinnern, die mit lauter Stimme ausruft: „Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat“. Daraufhin sagt der Herr: „Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11,27-28).
Im Unterschied zum Evangelisten Matthäus, der neun Seligpreisungen aufführt, erwähnt der Heilige Lukas vier, die mit den nachfolgenden vier Wehrufen korrespondieren. Die beiden Listen sind komplementär zu sehen und helfen uns, das Denken Jesu besser zu verstehen. Auch die Wehrufe erlauben uns, genauer den Inhalt der einzelnen Seligpreisungen zu erfassen.

3. „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20).

Wer sind die Armen, von denen der Herr spricht? Um diese Frage zu beantworten, hilft uns der Evangelist Matthäus, der von den Armen im Geiste spricht: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3 nach der Einheitsübersetzung 2016); „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt 5,3 nach der Lutherbibel 2017). Die Armen sind daher nicht einfach Menschen, denen es an materiellen Gütern fehlt. Armut erlaubt ihnen vielmehr, nicht zu sehr an diese Güter gebunden zu sein, die sie nicht besitzen oder nur ungenügend haben, um die geistlichen Werte zu suchen, für Gott und die wesentlichen Werte offen zu sein, für die Begegnung des Menschen mit dem Herrn im Glauben. Die Armen sind daher jene, die wissen, daß das Reich Gottes durch sie kommt und nicht über das Geld, den Reichtum oder eine weltliche Macht. In diesem Sinne ist auch der erste Wehruf zu verstehen: „Weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen“ (Lk 6,24). Die Reichen sind so eingenommen von ihren Gütern und stark versucht, mit den geistlichen Schätzen nichts anfangen zu können, und somit Gott nicht suchen, welcher der wahre Reichtum der Menschen ist. Dieses Phänomen lässt sich auch in reichen Gesellschaften ausmachen, die materiell gesehen alles haben und daher leben, als ob es Gott nicht gäbe.

Aus den biblischen Berichten wissen wir, daß zum Beispiel die Jünger Jesu arm waren. Die Zwölf haben alles verlassen, um Jesus zu folgen. Sie geben der Kirche durch alle Zeiten ein Beispiel. Sowohl ihre Mitglieder sollen arm sein, wie sie als Institution. Die Kirche darf sich nicht auf die Macht des Reichtums und der weltlichen Güter vertrauen. Ihr einziger und wahrer Reichtum muß der Herr Jesus sein. Die Güter, die für ihre Tätigkeit notwendig sind, sollen dem Dienst an der Seelsorge, der Caritas und der geistlichen Begleitung zur Verfügung stehen. Das haben die Menschen des geweihten Lebens, die Ordensleute stets gut verstanden, die aus freiem Willen ein Leben in radikaler Armut, einer im positiven Sinne verstandenen Armut gewählt haben, um Jesus Christus nachzufolgen.

Es gibt aber auch eine Armut im negativen Sinne, wogegen die Christen gemeinsam mit allen Menschen guten Willens angehen müssen, um das Schicksal von mehr als 800 Millionen Menschen zu verändern, die 9,6% der Weltbevölkerung ausmachen. Die Kirche hat ein besonderes Augenmerk auf diese Menschen, was sich unter anderem in der Option für die Armen zum Ausdruck bringt. Die Kirche, Mutter und Lehrerin, vergisst jedoch nicht, daß ihre vorrangige Aufgabe die Evangelisierung ist, die Verkündigung der guten Nachricht über das Reich Gottes. Die Verkündigung wird immer von der humanen Förderung begleitet, die notwendig ist, aber nicht ausreicht. Die Erfahrung vieler Missionare bezeugt, daß es nicht genügt, Schulen, Ambulanzen oder Wasserbrunnen zu bauen. Diesen ehrenvollen Werken geht voraus und sie werden begleitet von der Verkündigung Jesu Christi und seines Evangeliums, das die Herzen der Menschen von Grund auf verändert und mit der Gnade des Heiligen Geistes die zwischenmenschlichen Beziehungen in Übereinstimmung mit den christlichen Werten der Vergebung, der Versöhnung, der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit und Liebe verwandelt. Eine solche christliche Haltung wird zum entscheidenden Faktor auch für eine wahre und harmonische soziale Entwicklung.

Der Inhalt der ersten Seligpreisung ist derart reich, daß es nach vertiefter Reflexion verlangte. Ich möchte aber mit den Worten des Propheten Jeremia schließen, die uns einen Interpretationsschlüssel an die Hand geben, nicht nur für die erste der Seligpreisungen, sondern für alle: „Gesegnet der Mensch, der auf den HERRN vertraut und dessen Hoffnung der HERR ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, er hört nicht auf, Frucht zu tragen“ (Jer 17,7-8). Wer sein Vertrauen auf den Herrn setzt, der ist selig. Er nähert sich immer mehr Jesus Christus an, der in beispielhafter Weise alle Seligpreisungen gelebt hat.

Liebe Brüder und Schwestern, Elisabeth hat ihre Cousine Maria mit den Worten begrüßt: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42). Vertrauen wir der mächtigen Fürsprache der Gottesmutter an, auf daß sie von ihrem Sohn den Segen für uns alle erflehen möge. So können auch wir selig werden in der Gemeinschaft der Heiligen und in das Reich Gottes eintreten, wo alle Seligkeit in Fülle verwirklicht ist. Amen.

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