Predigt von Nuntius Eterovic am Hochfest der Jungfrau und Gottesmutter Maria
Apostolische Nuntiatur, 1. Januar 2026
(Num 6,22-27; Ps 67; Gal 4,4-7; Lk 2,16-21)
Welttag des Friedens
Neujahr
„Der Herr segne dich und behüte dich“ (Num 6,24).
Liebe Brüder und Schwestern!
Wir beginnen den ersten Tag des neuen Jahres 2026 mit Gottes Segen. Nach dem heilbringenden Willen unseres Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, soll dieser Segen für immer auf jedem von uns und auf der heiligen Kirche Gottes ruhen. Er soll uns daher an jedem Tag des soeben begonnenen Jahres begleiten. Öffnen wir uns der Gnade des Heiligen Geistes und empfangen wir diesen Segen mit offenen Herzen. Im Lichte des Geheimnisses von Weihnachten bekommt er eine besondere Bedeutung. Gott, der Vater, segnet uns in seinem eingeborenen Sohn Jesus Christus und in der Gnade des Heiligen Geistes. Die selige Jungfrau Maria hat als Mutter Jesu, der zugleich Gott und Mensch ist, einzigartigen Anteil an diesem Geheimnis. Als Mutter Jesu, unseres Erlösers und Bruders, wird Maria auch zur Mutter aller Jünger des Herrn Jesus und somit der Kirche, die sich vom ersten Tag des Jahres 2026 an ihrer mütterlichen Fürsprache anvertraut.
Im Lichte dieser christlichen Hoffnung wollen wir die letzten Tage des Heiligen Jahres unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“ leben. Insbesondere wollen wir der Einladung des Heiligen Vaters Leo XIV. folgen und gemeinsam für den Frieden in der Welt beten.
1. „Der Herr segne dich und behüte dich“ (Num 6,24).
Mit Freude stellen wir uns unter den Priestersegen aus dem Buch Numeri, den uns die Kirche zu Beginn des neuen Jahres spendet. Dieser Segen ist ein Wunsch nach dem Guten, nach Frieden und Wohlergehen. Anders als der persönliche Segen, bei dem der Name des Herrn auf eine Person ausgesprochen wird, ruft der Priestersegen den Namen Gottes über alle Menschen aus. Im Buch Numeri ist er der Segen für das auserwählte Volk. Angesichts des Wirkens Jesu Christi gilt dieser alttestamentliche Segen allen Völkern der Erde, denn alle sind berufen, Teil der heiligen Kirche Gottes zu sein. Im Priestersegen wird der Name des Herrn dreimal wiederholt. Dies erinnert uns Christen an die Personen der Heiligen Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Voller Dankbarkeit und Demut bitten wir erneut den bereits erwähnten Segen des allmächtigen, gütigen und barmherzigen Gottes: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und gebe dir Frieden.“ (Num 6,24–26). Lasst uns alle antworten: Amen! und bereit sein, die guten Früchte dieses mächtigen Segens in uns wachsen zu lassen, damit wir sie mit den Menschen teilen können, denen wir in unserem familiären und sozialen Umfeld begegnen.
2. „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19).
Das Lukasevangelium beschreibt die Begegnung der Hirten mit Jesus im Stall von Bethlehem mit seiner Mutter Maria und ihrem Bräutigam Josef. Damit erfüllte sich die Botschaft des Engels, den sie in der Weihnachtsnacht beim Hüten der Schafe gesehen hatten: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2,10–12). Die Hirten sahen nicht nur die genannten Zeichen, sondern wurden durch die Begegnung mit dem Jesuskind so sehr gesegnet, dass sich ihr Leben veränderte. Sie wurden zu Boten des Evangeliums, der Frohen Botschaft, und erzählten anderen von ihrer freudigen Erfahrung in Bethlehem: „Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war“ Lk 2,17). Die Nachricht der Hirten verbreitete sich schnell: „Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde“ (Lk 2,18). Angesichts des Geheimnisses der Menschwerdung Gottes ist Staunen die spontane Reaktion des Gläubigen. Dies kennzeichnet einfache Menschen wie die Hirten, aber auch Maria, die Mutter Jesu. Sie „behielt alle diese Wirte und erwog sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Die Anbetung Jesu durch die Hirten erfüllte Marias Herz mit großer Freude. Nach Gottes Willen wurde sie nicht nur die Mutter Jesu, sondern auch die Mutter im geistlichen Sinne all jener, die ihrem Sohn und Erlöser nahestanden. Dieser Prozess fand seinen Höhepunkt unter dem Kreuz auf dem Berg Golgatha, als Jesus seine Mutter Maria vor seinem Tod Johannes, dem geliebten Jünger, als dessen Mutter anvertraute (vgl. Joh 19,27).
3. „Der Friede sei mit euch allen:hin zu einem ‚unbewaffneten und entwaffnenden‘ Frieden“.
So beginnt die Botschaft zum 59. Weltfriedenstag, die der Heilige Vater Leo XIV. an die Gläubigen und alle Menschen guten Willens richtete. Die Botschaft wiederholt und erweitert die ersten Worte, die der Bischof von Rom am 8. Mai 2025 nach seiner Wahl zum 267. Nachfolger des Apostels Petrus sprach. Auch die Struktur der Botschaft spiegelt diesen Gruß wider. Der erste Teil trägt den Titel: „Der Friede des auferstandenen Christus“, der zweite: „Ein unbewaffneter Friede“ und der dritte: „Ein entwaffnender Friede“. Aus dieser wichtigen Botschaft möchte ich insbesondere die Rolle hervorheben, die den Religionen in unserer Welt zukommt, die leider von einer „Logik der Gegensätzlichkeit“ auf politischer Ebene geprägt ist, jener „relevanteste Umstand für die globale Destabilisierung, die jeden Tag dramatischer und unvorhersehbarer wird“ (Abschnitt: Ein unbewaffneter Friede).
Unter Bezugnahme auf die Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. bekräftigt Papst Leo XIV. das Ziel der „umfassenden Abrüstung, die nur durch die Erneuerung von Herz und Verstand erreicht werden kann“ (Abschnitt: Ein entwaffnender Friede). In diesem Bereich müssen die Religionen einen grundlegenden Dienst an der leidenden Menschheit leisten und die zunehmenden Versuche, selbst Gedanken und Worte in Waffen zu verwandeln, wachsam beobachten. Die großen spirituellen Traditionen sowie der richtige Gebrauch der Vernunft erlauben es uns, über Bluts- oder ethnische Bindungen hinauszugehen, über jene Verbrüderungen, die nur die Gleichen anerkennen und die Andersartigen ablehnen. Heute sehen wir, dass dies keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Leider ist es in der heutigen Zeit immer üblicher, Glaubensbekenntnisse in den politischen Kampf zu missbrauchen, Nationalismus zu segnen und Gewalt und bewaffneten Kampf religiös zu rechtfertigen. Gläubige müssen diesen Formen der Blasphemie, die den heiligen Namen Gottes verdunkeln, aktiv entgegentreten, vor allem mit ihrem Leben. Daher ist es neben dem Handeln notwendiger denn je, Gebet, Spiritualität, ökumenischen und interreligiösen Dialog als Wege des Friedens und Sprachen der Begegnung zwischen Traditionen und Kulturen zu pflegen. Weltweit besteht die Hoffnung, dass jede Gemeinschaft zu einem „Haus des Friedens wird, wo man lernt, Feindseligkeiten durch Dialog zu überwinden, wo Gerechtigkeit geübt und Vergebung gelebt wird. Denn heute ist es mehr denn je nötig, durch aufmerksame und schöpferische pastorale Kreativität zu zeigen, dass Frieden keine Utopie ist" (a.a.O., ebd.).
Die Gedanken des Heiligen Vaters sollten keinen Mann und keine Frau gleichgültig lassen, denen das Wohl der Menschheit und der Schöpfung am Herzen liegt. Neben dem Gebet, der mächtigen Waffe der Christen, müssen wir auch Werke des Friedens vollbringen. Papst Leo XIV. veranschaulichte den jungen Menschen der Italienischen Katholischen Aktion den Begriff des Friedens: „Geliebte, die Geburt des Friedensfürsten (vgl. Jes 9,6) offenbart uns die wahre Bedeutung dieses Wortes, des Friedens, der nicht bloß die Abwesenheit von Krieg ist, sondern eine auf Gerechtigkeit gegründete Freundschaft zwischen den Völkern.“ Er fuhr fort: „Wir alle wünschen uns diesen Frieden für die vom Krieg verwundeten Nationen. Doch lasst uns nicht vergessen, dass Harmonie und Respekt in unseren alltäglichen Beziehungen beginnen, in den Gesten und Worten, die wir zu Hause, in der Gemeinde, mit Mitschülern und beim Sport austauschen.“ Dann machte er einen konkreten Vorschlag: „Denkt an einen Menschen, mit dem ihr Frieden schließen könnt: Es wird ein wertvolleres Geschenk sein als jedes, das man kaufen kann, denn Frieden ist ein Geschenk, das man wahrhaft nur im Herzen findet“ (Grußwort, Sala del Concistorio, 19. Dezember 2025).
Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns diese Gedanken der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und unserer Mutter, anvertrauen, die wir am ersten Tag des Jahres 2026 vertrauensvoll als Königin des Friedens anrufen. Möge sie allen Menschen und allen Völkern der Erde den großen Segen eines gerechten und dauerhaften Friedens erbitten. Möge Gott voll Güte und Barmherzigkeit alle Menschen segnen und an allen Tagen des Jahres 2026 vor seelischen Gefahren, insbesondere vor der Sünde, und Gefahren des Leibes wie Krankheit beschützen. So segne uns der dreieine Gott im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
