Predigt von Nuntius Eterovic am Zweiten Sonntag der Weihnachtszeit

Apostolische Nuntiatur, 3. Januar 2021

(Sir 24,1-4.8-12; Ps 148; Eph 1,3-6.15-18; Joh 1,1-18)

„Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14).

Liebe Schwestern und Brüder,

das Wort Gottes an diesem zweiten Sonntag der Weihnachtszeit lädt uns nochmals dazu ein, das Geheimnis der Fleischwerdung Jesu Christi, „des Einzigen, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18) zu bedenken. Diese Meditation wird durch die Zeichen und die weihnachtliche Stimmung dieser Zeit erleichtert. Die Krippendarstellungen führen uns zum Ort der Geburt Jesu in einer Grotte in Bethlehem, der Weihnachtsbaum ist ein Zeichen des neuen Lebens, das begonnen hat und der festliche Schmuck lässt uns an die Früchte dieses hohen geschichtlichen Ereignisses denken, das seinen besonderen Sinn im Glauben der Christen erhält. Die Weihnachtsfreude und deren Botschaft können nicht durch verschiedene Hindernisse aufgehalten werden, von denen die Corona-Pandemie das Leben von Kirche und Gesellschaft in den letzten Monaten stark beeinflusst hat. Mit der Botschaft der Freude und der Hoffnung, die aus dem Weihnachtsgeheimnis erwächst, wollen wir den Herausforderungen dieser Pandemie mit neuer Energie und neuem Mut der christlichen Liebe begegnen.

Bei unserer Meditation werden wir vor allem dem Abschnitt aus dem Evangelium folgen, der verkündet worden ist. Es handelt sich um den wohlbekannten Prolog des Johannesevangeliums, der in gewissem Sinn eine Zusammenfassung der guten Nachricht ist, die der Evangelist unter der Inspiration des Heiligen Geistes aufschreiben wollte, damit auch wir persönlich und als Glieder der Kirche dem lebendigen Jesus Christus begegnen können, dem Wort, das Fleisch geworden ist, um inmitten der Seinen als Emanuel zu bleiben, als „Gott mit uns“ (Mt 1,23). Um den Reichtum des Prologs besser zu erfassen, werden wir auf andere Stellen der Bibel Bezug nehmen. Dabei handelt es sich um die wahrscheinlich beste exegetische Methode, um den wahren Sinn des Gotteswortes zu verstehen. Wir stehen vor der Krippe, betrachten das Jesuskind, um das herum seine Mutter Maria und der Heilige Josef sind, beobachten die Haltung der Hirten und der Weisen und lesen erneut den Abschnitt des Evangeliums und spüren den vom Evangelisten benutzten starken Worte und Symbole nach: das Wort, das Licht, das Leben (I). Die Inkarnation Jesu Christi ruft unsere Freiheit dazu auf, entweder für oder gegen das Jesuskind Partei zu ergreifen (II).

1. „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14).

Der Heilige Johannes beginnt sein Evangelium mit den bekannten Worten: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Wort ist die Übersetzung des griechischen Logos (λόγος) oder des hebräischen Dabar (דָּבָר‎). Diese Begriffe haben eine vielfältige Bedeutung: Grund/Vernunft, Sprache/Rede, Wort. Der Begriff Logos wurde in der griechischen Philosophie sehr stark gebraucht. Der Heilige Johannes komplettiert den griechischen Begriff und gibt ihm mit Rückgriff auf das Alte und das Neue Testament eine christliche Bedeutung. Das Wort ist die Weisheit Gottes, wie wir in der ersten Lesung gehört haben. Die Weisheit kommt aus dem Mund des Allerhöchsten und hat die Erde wie eine Wolke bedeckt (vgl. Sir 24,3). Auf Weisung des Schöpfers hat die Weisheit ihr Zelt inmitten des erwählten Volkes aufgeschlagen, hat Wohnung in der geliebten Stadt genommen und ihre Macht in Jerusalem ausgeübt (vgl. Sir 24,8.11). Die Weisheit aber war geschaffen, wie es der Verfasser des Buches Jesus Sirach sagt: „Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht“ (Sir 24,9). Im Alten Testament wird die Weisheit mit dem Gesetz identifiziert, das JHWH dem Mose anvertraut hatte (vgl. Sir 24,23). Im christlichen Verständnis jedoch ist das Wort nicht geschaffen, sondern gezeugt, und die Weisheit ist in Jesus Christus eine Person. Diese Wahrheit kommt aus der Offenbarung des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die uns Jesus Christus offenbart hat. So unterstreicht der Prolog, dass das Wort am Anfang ist und nicht allein seit jeher bei Gott war, sondern das Wort selbst ist Gott. Im nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bekennen wir von Jesus Christus: Er ist „Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott“. Im christlichen Verständnis vom Wort-Logos ist die Vernunftdimension nicht verschwunden, jene Ordnung, die sich insbesondere in der Schöpfung manifestiert. Im Prolog wird daher gesagt, dass durch das Wort „alles geworden ist und ohne es wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,3). Für uns Christen ist die geschaffene Welt nicht aus einem Chaos gekommen, sondern aus einer schöpferischen Vernunft entstanden, eben vom Wort geworden. Der Logos ist eine Person, Jesus Christus, der in der Fülle der Zeit Fleisch geworden ist: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Im Prolog werden sodann zwei Symbole gebraucht: Leben und Licht, um das Wort besser zu beschreiben, Jesus Christus. „In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh 1,4). Der Evangelist beschreibt sodann das Geheimnis mit dem Symbol des Lichts: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5). Auch die prophetische Sendung von Johannes dem Täufer wird mit dem Lichtsymbol beschrieben: „Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht“ (Joh 1,7-8). Abschließend sagt der Evangelist: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9). Während wir das Kind in der Krippe betrachten, hilft uns das Wort Gottes, in das Geheimnis seiner doppelten Natur als Mensch und Gott vorzudringen. Das kleine und zarte Kind, das die Hilfe der Eltern benötigt, ist zugleich das Wort, das Leben, das Licht. Im Laufe seines öffentlichen Wirkens betont Jesus selbst feierlich: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 6,14), wie auch: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).

2. „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,12).

Angesichts des ewigen Wortes, das in der Fülle der Zeit Fleisch geworden ist, kann der Mensch nicht gleichgültig bleiben. Die Geburt des Jesuskindes fordert uns alle heraus. Der Mensch muss sich entscheiden, das in Bethlehem geborene Kind anzunehmen oder vor ihm wegzulaufen. In dieser Entscheidung zeigt sich das Drama der menschlichen Freiheit. Leider nehmen ihn heute, wie schon zu den Zeiten Jesu, viele nicht auf. So wiederholt sich die Klage des Evangelisten: „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,10-11). Diese Feststellung macht es uns einerseits leichter zu erkennen, dass auch zur Zeit Jesu ihn nicht alle aufgenommen haben, und wir müssen uns nicht darüber wundern, dass auch heute vielfach dasselbe geschieht. Andererseits aber müssen wir ehrlichen Herzens für diese Personen beten, damit auch sie ihre Herzen der Gnade Gottes öffnen und die große Freude erfahren, die der Herr Jesus jenen schenkt, die an Ihn glauben. Die Aufnahme des Wortes, das Fleisch geworden ist, verbindet sich mit großem Segen, mit einem unverhofft göttlichen Geschenk: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13). Die Würde, Kinder Gottes zu werden, Söhne und Töchter im Sohn, deutet die Größe der christlichen Berufung an. So danken wir dem dreieinen Gott mit den Worten des Heiligen Paulus: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn“ (Eph 1,3-6).

Liebe Brüder und Schwestern, diese einprägsamen Überlegungen zum wunderbaren Text des Prologs des Johannesevangeliums, werden für uns zur Straße eines immer tieferen Verständnisses des Geheimnisses, das wir feiern. Das ewige Wort, die zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, ist Fleisch geworden und ward Mensch, hat unsere menschliche Natur angenommen. Vor der Krippe können auch wir, wenn wir der Erfahrung des Jüngers folgen, den Jesus liebte (vgl. Joh 13,23), die Wahrheit und die Freude jener Botschaft entdecken: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Diese frohe Botschaft haben wir als Christen den Nahen und den Fernen zu verkünden. Amen.

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