07 12 16 Grußwort von Papst Benedikt XVI. zum fünfzigjährigen Bestehen des Bistums Essen

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GRUSSWORT
DES HL. VATERS PAPST BENEDIKT XVI.
ZUM FÜNFZIGJÄHRIGEN BESTEHEN DES BISTUMS ESSEN




 

Meinem verehrten Bruder
Bischof Felix Genn
Bischof von Essen

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“ (1 Kor 1, 3). Mit diesem Wort des Apostels Paulus grüße ich von Rom aus Dich, lieber Bruder im bischöflichen Dienstamt, und alle Gläubigen des Bistums Essen, die an diesem Neujahrstag zum Festgottesdienst anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der Diözese in der Domkirche zu Essen zusammengekommen sind. Mit Freude habe ich von diesem Jubiläum Kenntnis erhalten, und so möchte ich zu diesem festlichen Tag den anwesenden Mitbrüdern im Bischofsamt, den Priestern, Diakonen und Ordensleuten sowie allen im Gebet und im Dank an Gott versammel­ten Brüdern und Schwestern meine Segensgrüße übermitteln.

Der 1. Januar 1958 war mit der Einführung des ersten Bischofs, des unver­gessenen späteren Kardinals Franz Hengsbach, der Beginn eines neuen Bistums in Deutschland: der Kirche von Essen. Eine Teilkirche gründet die Kirche nicht alle Tage, nicht an allen Orten und schon gar nicht ohne guten Grund. Damals schrieb mein verehrter Vorgänger Papst Pius XII. zur Bistumserrichtung: „Der über Jahr­hunderte hindurch gelebte Glaube und der religiöse Eifer des deutschen Volkes ist mir Anlaß, dort zur Wohlfahrt des christlichen Volkes aus den Erzdiözesen Köln und Paderborn und der Diözese Münster ein neues Bistum zu errichten“ (Bulle Germanicae gentis vom 23. Februar 1957). Schon einige Jahrzehnte vorher gab es einen solchen Plan, „damit die Kirche“, so hieß es, „den arbeitenden Menschen in dem ständig wachsenden Ballungsraum näher komme und tiefer verwurzelt werde“. Um in der Welt der Industrie, in den Betrieben unter und über Tage, in den Spannungen zwischen sozialem Engagement und wirtschaftlichen Interessen, denen der einzelne fast ohnmächtig ausgeliefert war, christlich leben und arbeiten zu können, wurde das „Ruhrbistum“, wie es bald genannt werden sollte, gegründet. Mit ihm wurde das „Kreuz Christi über Kohle und Eisen“ errichtet, begleitet von großen Hoffnungen und hohen Erwartungen.

Vieles ist in diesem halben Jahrhundert geschehen zum Wohl und zum Heil der Menschen an Ruhr und Lenne, dank der Christen im Bistum Essen. Seine Grün­dung vor fünfzig Jahren hat sich bewährt! Gewiß haben sich die Zeiten geändert und mit ihnen die Herausforderungen, denen sich die Kirche von Essen zu stellen hat. Wichtig ist, daß die Kirche ihrem Auftrag treu bleibt. Denn mehr denn je brauchen die Menschen heute das Zeugnis gelebten Gottesglaubens. Sie müssen der Welt nicht Welt und der Erde nicht Erde sein; sie müssen ihr geben, was ihr niemand sonst geben kann: das Licht des Evangeliums. Das Evangelium ist eine gute Nachricht, die frohe Botschaft, die sich nicht in der bloßen Mitteilung erschöpft, sondern Tatsachen wirkt und das Leben verändert auf Gott hin. Er ist die wahre, die große und durch alle Brüche hindurch tragende Hoffnung des Menschen - der Gott, der uns „bis ans Ende“, „bis zur Vollendung“ (vgl. Joh 13,1; 19, 30) geliebt hat und liebt und uns das „wirkliche“ Leben gibt (vgl. Enzyklika Spe salvi, 2. und 27). So gilt heute uns, in aller Eindringlichkeit, die Aufforderung des Apostels: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3, 15). Für die Botschaft der Hoffnung, für Christus selbst Zeugnis zu geben und Gottes Gegen­wart in der eigenen Lebens- und Arbeitswelt sichtbar zu machen - darin besteht die Sendung aller Getauften, der Auftrag an die Kirche im Bistum Essen, der bei allen Veränderungen und sich wandelnden Gegebenheiten und Anforderungen fortdauert. In der Rückschau auf die vergangenen 50 Jahre mit all ihren Mühen, aber auch mit ihrem Segen, bleibt die Gewißheit aus dem Glauben: Es war der Herr, der die Jahre mit seiner Güte krönte (vgl. Ps 65,12).

Christsein im Bistum Essen war seit seinem Bestehen „Leben im Aufbruch“. Solches Leben ist gleichsam ein anderes Wort für Christsein. Leben im Aufbruch ist der konkrete Vollzug des Glaubens, des Offen-Seins für Gott, des Aufbrechens zu Ihm hin, dem Ursprung und Ziel des Menschen. Mir scheint, das Motto des Jubiläums­jahres will in besonderer Weise die derzeitige Situation der Kirche in Essen und den daraus resultierenden Auftrag kennzeichnen. Es braucht einen neuen geistlichen Aufbruch! Der mancherorts notwendige Um- und Rückbau pastoraler Strukturen und kirchlicher Einrichtungen, der Mangel an Christen, die ihren Glauben entschieden, bewußt, kirchlich und öffentlich leben, und der damit in Verbindung stehende Rück­gang an Priestern sind als „Zeichen der Zeit“ zu werten. Wir müssen genauer unter­scheiden, was dem Evangelium entspricht und was nicht zu Gottes Präsenz gehört. Solche „Zeit-Zeichen“ erfordern in der Tat ein neues geistliches Aufbrechen, werfen die Frage auf, wie das kirchliche Leben im Bistum heute zu gestalten ist, damit es sei­nem bleibenden Grundauftrag, den Menschen in der Region das Evangelium Christi zu verkünden und sie so Gott näher zu bringen, nachkommen kann. Es muß also stets das Wesentliche im Blick bleiben, nämlich der gelebte Glaube und die unverkürzte Weitergabe des Glaubens an die Menschen von heute und morgen. Das Christsein beginnt in den Glaubensvollzügen eines jeden von uns: im Bemühen und in der Treue im Gebet, in der Mitfeier der heiligen Eucharistie und im Empfang der Sakramente sowie im Streben nach der authentischen Umsetzung des Evangeliums im Alltag und im konkreten Zeugnis für Christus vor denen, die keine Christen sind. Dann vermag die Kirche im Bistum Essen, aus den Wurzeln, durch die es mit den Diözesen Köln, Paderborn und Münster sowie mit dem reichen christlichen Erbe in Deutschland insgesamt verbunden ist, und in lebendiger Einheit mit der Gesamtkirche unter der Leitung des Nachfolgers Petri Kraft für morgen zu schöpfen, um sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Daß der Kirche von Essen dies im Verlauf der ver­gangenen fünfzig Jahre ihres Bestehens immer wieder gelungen ist, entsprach ihrer Gründungsabsicht, missionarisch Kirche zu sein, Verantwortung zu übernehmen für die Menschen an Ruhr und Lenne und ihnen die unerschöpfliche Liebe Gottes durch den Dienst der Kirche zuzuwenden.

Der heutige Tag, der erste Tag des neuen Jahres, ist zugleich der erste Tag des Essener Jubiläumsjahres. Beide Tage fallen zusammen mit dem Hochfest der Gottes-mutter Maria. Ferner wird heute auch der Weltfriedenstag begangen, den ich unter das Motto „Die Menschheitsfamilie, eine Gemeinschaft des Friedens“ gestellt habe. Das ist viel, nicht nur für einen einzigen Tag, sondern auch für alle Tage des Jubi-läumsjahres. Die „Goldene Madonna“ ist nicht nur der Schatz der Domkirche, sie ist die Patronin des ganzen Bistums. Als Mutter vom guten Rat wird sie verehrt. Ihr Rat verweist auf Christus, den Herrn der Kirche. Wenn Ihr, liebe Brüder und Schwestern, auch weiterhin ihrem Rat folgt und Euch ihrer Obhut anvertraut, wird sie Euren Weg sicher zu Christus geleiten. Gerne anempfehle ich das Bistum Essen dem mütter-lichen Schutz Mariens, der Fürbitte der heiligen Patrone Ludgerus und Altfrid, der heiligen Märtyrerärzte Kosmas und Damian sowie des seligen Nikolaus Groß. Von Herzen erteile ich Dir, lieber Mitbruder, dem Klerus, den Ordensleuten und den Gläubigen im Bistum Essen sowie allen Mitfeiernden den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 16. Dezember 2007, dem 3. Adventssonntag

Benedictus PP XVI