16 06 15 Grußwort von Nuntius Eterovic zur Ausstellungseröffnung "Der andere Blick. Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle"

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Geleitwort
des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
zur Ausstellung 
Der andere Blick. Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle

Köln, 15. Juni 2016


 
„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, 
der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 124,8)
 
Diese Worte des Psalmisten sind fester Bestandteil des Gebetes vor jeder Liturgie der Kirche und sie gehören zum Segen des Bischofs. Diese Worte mögen gleichsam als ein Dankhymnus die Ausstellung zu den Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan begleiten: als Dank an den dreieinen Gott, den Schöpfer, Erlöser und Vollender und als Dank an den mit seinen Werken den Schöpfer nachahmenden Genius Michelangelo Buonarroti. Den Verantwortlichen sei für die Idee und die Ausführung dieses anderen Blickes auf Michelangelos‘ Fresken gedankt. Der Blick wird nicht nach oben zur Decke der Kapelle gerichtet oder auf das Jüngste Gericht über unseren Häuptern an der Altarseite, sondern unsere Augen schauen nach unten, gleichsam in einer umgekehrten Perspektive. Wir blicken nicht mehr zu den Erzählungen der Heiligen Schrift hinauf, die der Künstler uns so eindrücklich erzählt, sondern wir schauen hinab. Das kann auf menschlich hochmütige Weise geschehen, indem wir herabschauen auf das Geschaffene, ohne den Sinn der Fresken entschlüsseln zu können, weil heute nicht selten das „ästhetische Empfinden verarmt“ ist „und so die Freude erlischt“, wie der Heilige Vater Franziskus sagt, der das zärtliche Bewundern der Schönheit vor das Besitzen wollen, den Konsum stellt (vgl. Amoris laetizia, 127). Insofern kann diese Ausstellung, die rund um die Erde an mehreren Orten und in unterschiedlichen Kulturkreisen zu sehen sein soll, so etwas wie eine reisende Biblia pauperum sein, eine Bibel, die in Bildern erzählt und die modernen Menschen, die zwar lesen können, aber Gottes Wort oft nicht mehr hören, in ihren Bann zieht. Wer Michelangelos Bilder sieht, der wird Papst Franziskus zustimmen, wenn er sagt: „Die Welt ist mehr als ein zu lösendes Problem, sie ist ein freudiges Geheimnis, das wir mit frohem Lob betrachten“ (Laudato si‘, 12). Dieses Beispiel der fruchtbaren Schönheit des Evangeliums, das uns in der wunderbaren Kunst Michelangelos geschenkt ist, möge dazu dienen, daß auch heute die Künstler angeregt werden, auf immer neue Weise die bleibende Inspiration der Heilsgeschichte, die in der Bibel überliefert ist, zum Ausdruck zu bringen. 
 
Als Vertreter des Bischofs von Rom, der unter diesen Fresken des florentinischen Meisters seit Jahrhunderten gewählt wird, und Hirten der Universalkirche, die alle Kulturen umfasst, wünsche ich dieser Ausstellung Erfolg. Zum einen den Erfolg, daß jeder Betrachter zur Erkenntnis gelange: „Jedes Geschöpf ist Gegenstand der Zärtlichkeit des Vaters, der ihm seinen Platz in der Welt zuweist“ (Laudato si‘, 77). Zum anderen möge es den Glauben nähren, daß Gott der Schöpfer auch mein Erlöser ist, der lebt (vgl. Hiob 19,25). Der andere Blick, das Schauen nach unten möge die Seelen erheben und singen lassen: „Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 124,7-8).