16 09 19 Grußwort von Nuntius Eterovic zur Eröffnung der Herbstvollversammlung der DBK in Fulda

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Grußwort des Apostolischen Nuntius
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
bei der Eröffnung der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Fulda, 19. September 2016


 
„Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos…..Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Was euch angeht, so liebe jeder von euch seine Frau wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann“ 
(Eph 5,25-27.32-33).
 
Eminenzen, Exzellenzen, liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
 
Das bekannte Zitat aus dem Brief des Heiligen Apostel Paulus an die Epheser ruft uns die Größe des Ehesakramentes in Erinnerung. Dieses Thema stand im Zentrum der kirchlichen Reflexionen der letzten drei Jahre und besonders während der beiden synodalen Versammlungen, jener außerordentlichen Generalversammlung (05.-19. Oktober 2014) und der ordentlichen Generalversammlung (04.-25. Oktober 2015). Der Heilige Vater Franziskus hat die Ergebnisse dieser Reflexionen in dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben Amoris laetitia gesammelt, das am 19. März 2016 veröffentlicht worden ist. Der Oberste Pontifex bezieht sich in dem Dokument häufig auf das erwähnte Zitat aus dem Epheserbrief und betont besonders einen gewissen trinitarischen Aspekt des Paares, der „in der paulinischen Theologie neu dargestellt (wird), wenn der Apostel es mit dem »Geheimnis« der Bindung zwischen Christus und der Kirche in Beziehung bringt (vgl. Eph 5,21-33)“ (AL 11). 
 
Ich habe mit Freude zur Kenntnis genommen, daß diese Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz auch das Thema der Familie behandeln wird. Aus diesem Grund halte ich es für angebracht, einige Bezüge zum päpstlichen Dokument zu nehmen und besonders beim vierten Kapitel, wo der Papst über die christliche Liebe in der Ehe spricht, und beim sechsten Kapitel zu verweilen, wo der Bischof von Rom einige pastorale Perspektiven formuliert. Wir befinden uns in der Hochphase des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, das auch für die christliche Familie zum Guten gereichen soll. 
 
1. Die Liebe in der Ehe
 
Im vierten Kapitel von Amoris laetitia reflektiert der Oberste Pontifex auf sehr originelle Weise über die Liebe in der Ehe, indem er dem Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief des Heiligen Paulus (1 Kor 13,4-7) folgt. Das Evangelium von Ehe und Familie drückt sich in spezifischer Weise in der Liebe aus, ist doch „die Gnade des Ehesakramentes vor allem dazu bestimmt, »die Liebe der Gatten zu vervollkommnen«“ (AL 89). Ohne die Liebe taugen Glaube, Großherzigkeit und das Erleiden des Martyriums nach den Worten des Völkerapostels zu nichts (vgl. 1 Kor 13,2-3). 
 
Betrachten wir nun diesen Hymnus im Licht der Hinweise von Amoris laetitia für die Anwendung im Leben des Ehesakramentes, immer das Urbild der innigen Vereinigung von Christus und seiner Kirche im Bewusstsein. „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1 Kor 13,4-7). Diese vier kurzen, aber sehr dichten Verse haben den Heiligen Vater dabei geleitet, eine edle theologische Vision zu entwickeln, die aber nicht in einer abstrakt theoretischen Dimension bleibt, sondern sich gut auf das konkrete Leben jeder Familie anwenden lässt. Das kann man auch aus den 13 Untertiteln des vierten Kapitels schließen: Langmut (91-92); Haltung dienstbereiter Güte (93-94); Eifersucht und Neid heilen (95-96); Ohne zu prahlen und sich aufzublähen (97-98); Liebenswürdige Freundlichkeit (99-100); Freigebige Loslösung (101-102); Ohne gewalttätige Gesinnung (103-104); Vergebung (105-108); Sich mit den anderen freuen (109-110); Sie erträgt und entschuldigt alles (111-113); Sie glaubt alles (114-115); Sie hofft alles (116-117);  Sie hält allem stand (118-119). Nach dem Heiligen Vater gibt uns der Hymnus des Heiligen Paulus „die Möglichkeit, uns nun der vollkommenen Liebe (caritas) in der Ehe zu widmen. Es ist die Liebe, welche – geheiligt, bereichert und erleuchtet durch die Gnade des Ehesakramentes – die Eheleute vereint“ (AL 120). Die Eheleute sind aufgefordert, ihr ganzes Leben hindurch in der ehelichen Liebe zu wachsen, sowohl in den freudigen, als auch in den schmerzlichen Zeiten, und alles miteinander zu teilen. „Nach der Liebe, die uns mit Gott vereint, ist die eheliche Liebe die »größte Freundschaft«“ (AL 123). Da die „Familie das Heiligtum des Lebens“ genannt wird, ist die Liebe der Eheleute auf die Weitergabe des Lebens und auf die Erziehung der Nachkommen hin orientiert. 
 
2. Pastorale Perspektiven
 
Nach den Synodenvätern müssen neue pastorale Wege gefunden, wobei man sich sowohl der Lehre der Kirche als auch der Bedürfnisse und Herausforderungen vor Ort bewußt bleiben muss. Papst Franziskus hat folgende grundlegenden pastoralen Perspektiven aufgezeigt: Heute das Evangelium der Familie verkünden (200-204); Auf dem Weg der Ehevorbereitung zum Eheversprechen führen (205-216); Die Begleitung in den ersten Jahren des Ehelebens (217-230); Licht in Krisen, Ängste und Schwierigkeiten tragen (231-252); Wenn der Stachel des Todes eindringt (253-258). Ich möchte kurz auf die ersten beiden Perspektiven eingehen, weil selbst ein nur knappes Aufhalten bei jedem dieser Punkte doch sehr zeitaufwendig wäre. 
 
In Bezug auf die Verkündigung des Evangeliums der Familie heute schreibt der Bischof von Rom: „Die Synodenväter haben nachdrücklich betont, dass die christlichen Familien durch die Gnade des Ehesakraments die hauptsächlichen Subjekte der Familienpastoral sind, vor allem, indem sie das “freudige Zeugnis der Eheleute und der Familien, der Hauskirchen« geben“ (AL 200). Das aber bedarf „eines evangelisierenden und katechetischen Bemühens, das auf das Innere der Familie gerichtet ist“ (AL 200). Dieses Bemühen erfordert „eine missionarische Umkehr. Man darf nicht bei einer rein theoretischen, von den wirklichen Problemen der Menschen losgelösten Verkündigung stehen bleiben. Die Familienpastoral muss erfahrbar machen, dass das Evangelium der Familie die Antwort auf die tiefsten Erwartungen des Menschen darstellt: auf seine Würde und auf die vollkommene Verwirklichung in der Gegenseitigkeit, in der Gemeinschaft und in der Fruchtbarkeit“ (AL 201). „Den wichtigsten Beitrag zur Familienpastoral leistet die Pfarrgemeinde, eine Familie von Familien, in der die Beiträge der kleinen Gemeinschaften, Bewegungen und kirchlichen Vereinigungen harmonisch aufeinander abgestimmt werden“ (AL 202). Auf diese anspruchsvolle Aufgabe müssen Pfarrer, Seminaristen und Laienmitarbeiter in der Familienpastoral gut vorbereitet werden.
 
Mit Blick auf die Vorbereitung der Verlobten auf die Ehe soll man den „jungen Menschen helfen …, den Wert und den Reichtum der Ehe zu entdecken“ (AL 205). Die heutige Welt ist sehr komplex, und „die Herausforderungen, mit denen sich die Familien heute auseinandersetzen müssen, erfordern einen größeren Einsatz der ganzen christlichen Gemeinde im Hinblick auf die Vorbereitung der Brautleute auf die Ehe“ (AL 206). Das Zeugnis der Familien, besonders der Herkunftsfamilien der Brautleute, ist von großer Bedeutung. Zugleich sollte auch „die Ehevorbereitung im Weg der christlichen Initiation verankert werden, indem die Verbindung zwischen Ehe und Taufe und den anderen Sakramenten betont wird“ (AL 206). Zudem sind „besondere Kurse zur unmittelbaren Vorbereitung der Eheschließung …, die eine wirkliche Erfahrung der Teilnahme am kirchlichen Leben sind und die unterschiedlichen Aspekte des Familienlebens vertiefen“ (AL 206), notwendig. Wir brauchen eine gute Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe, immer im Bewusstsein, dass auch hier Qualität wichtiger ist als Quantität. „Zusammen mit einer erneuerten Verkündigung des Kerygmas muss man jenen Inhalten den Vorrang geben, die in anziehender und herzlicher Form vermittelt ihnen helfen, sich »mit Großmut und Freigebigkeit« zu einem Weg für das ganze Leben zu verpflichten“ (AL 207). In der Ehevorbereitung „sind einige persönlich gestaltete Momente unerlässlich, denn das Hauptziel ist, jedem Einzelnen zu helfen, diese konkrete Person, mit der er das ganze Leben teilen will, lieben zu lernen“ (AL 208). Vor der Eheschließung sollten sich die Brautleute gut kennen und in der Lage sein, „die Ehe als eine Berufung an(zu)nehmen, die sie vorwärts treibt, mit dem festen und realistischen Entschluss, alle Prüfungen und schwierigen Momente gemeinsam zu durchleben. Die Seelsorge in der Vorbereitung auf die Ehe und die Ehepastoral müssen vor allem eine Seelsorge der Bindung sein, wo Elemente vermittelt werden, die helfen, sowohl die Liebe reifen zu lassen als auch die schweren Zeiten zu überstehen“ (AL 211). 
 
3. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit und die Familie
 
Abschließend möchte ich daran erinnern, daß der Heilige Vater die Bedeutung des nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris laetita im Zusammenhang mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit betont und hierfür zwei Gründe angibt: „An erster Stelle, weil ich das Schreiben als einen Vorschlag für die christlichen Familien verstehe, der sie anregen soll, die Gaben der Ehe und der Familie zu würdigen und eine starke und uneingeschränkte Liebe zu Werten wie Großherzigkeit, Verbindlichkeit, Treue oder Geduld zu pflegen. An zweiter Stelle, weil es alle ermutigen soll, dort selbst Zeichen der Barmherzigkeit und der Nähe zu sein, wo das Familienleben sich nicht vollkommen verwirklicht oder sich nicht in Frieden und Freude entfaltet“ (AL 5). 
 
Papst Franziskus hat in seiner Predigt am Fest der Heiligen Familie, Jesus, Maria und Josef, am 27. Dezember 2015 aus Anlass des Jubiläums der Familie in Rom die Bedeutung des Gebetes und des Verzeihens innerhalb der Familie unterstrichen. Maria und Josef haben Jesus das Beten gelehrt und damit allen Familien ein Beispiel gegeben. Wie wichtig ist es auf der Pilgerschaft des Lebens, daß die Familien „auch die Momente des Gebetes“ miteinander teilen. „Was kann für einen Vater und eine Mutter schöner sein, als am Anfang und zum Schluss eines Tages ihre Kinder zu segnen; wie am Tag der Taufe ein Kreuz auf ihre Stirn zu zeichnen? Ist das nicht das einfachste Gebet der Eltern für ihre Kinder?  …. Wie wichtig ist es für die Familie, sich auch zu einem kurzen Moment des Gebetes vor dem gemeinsamen Essen zusammenzufinden, um dem Herrn zu danken für diese Gaben und um zu lernen, das Empfangene mit denen zu teilen, die am meisten in Not sind“. 
 
Was das Vergeben angeht, hofft Papst Franziskus: „Möge im Jahr der Barmherzigkeit jede christliche Familie ein bevorzugter Ort dieser Pilgerschaft sein, wo man die Freude der Vergebung erfährt. Die Vergebung ist das Wesen der Liebe, die den Fehler zu verstehen und wieder gutzumachen weiß. Wie arm wären wir, wenn Gott uns nicht vergeben würde! Im Innern der Familie geschieht die Erziehung zur Vergebung, weil man die Gewissheit hat, dass man trotz der Fehler, die man machen kann, verstanden und unterstützt wird“. 
 
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, ich schließe mein Wort an Euch mit dem ermutigenden Aufruf des Obersten Pontifex: „Verlieren wir nicht das Vertrauen in die Familie! Es ist schön, einander immer das Herz zu öffnen, ohne irgendetwas zu verbergen. Wo es Liebe gibt, da gibt es auch Verständnis und Vergebung. Euch allen, liebe Familien, vertraue ich diese häusliche Wallfahrt eines jeden Tages, diese so wichtige Mission an, die die Welt und die Kirche braucht wie nie zuvor“.