12 05 31 Predigt von Nuntius Périsset im Pontifkalamt zum 100jährigen Weihejubiläum der Wallfahrtskirche in der Gnadenstätte Maria Rosenberg

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Predigt
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt anlässlich des 100jährigen Weihejubiläums
der Wallfahrtskirche Maria Königin des Rosenkranzes
in der Gnadenstätte Maria Rosenberg

Waldfischbach-Burgalben, 31. Mai 2012



„Vom Heiligen Geist geführt“ (Tagesgebet)

Sehr geehrter, lieber Herr Bischof,
liebe Brüder im priesterlichen und Diakonendienst,
Brüder und Schwestern in Christus!

Unter Bezugnahme auf das Evangelium, das wir gerade gehört haben, heißt es im heutigen Tagesgebet vom Fest Mariä Heimsuchung, dass Maria sich – vom Heiligen Geist geführt – auf den Weg zu ihrer Verwandten Elisabet machte. Auch wir haben uns – vom Heiligen Geist geführt – auf den Weg gemacht. Die Wallfahrt nach Maria Rosenberg am Wallfahrtsfest, das seit Jahrzehnten am Donnerstag nach Pfingsten gefeiert wird, hat in diesem Jahr zudem eine besondere Bedeutung, weil in ihm der Weihe der damals renovierten Kirche durch Bischof Michael von Faulhaber, den späteren Kardinalerzbischof von München und Freising, vor einhundert Jahren gedacht wird. Hinzu kommt, dass der Monat Mai als Rosenmonat in besonderer Beziehung zum Namen der Gebetsstätte steht und unserer Wallfahrt einen zusätzlichen Glanz verleiht. Bei ihr bestürmen wir mit dem Rosenkranz Maria, dass wir durch sie die von uns erbetenen Gnadenzuwendungen von ihrem Sohn Jesus Christus empfangen. An Pfingsten ist der Heilige Geist auf die Apostel herabgekommen, damit sie die Lehre Christi voll und ganz verstehen und verkündigen. Die Apostelgeschichte schreibt über die Zeit nach der Himmelfahrt Christi: „Die Apostel verharrten dort alle einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern“ (Apg 1, 14).    

Deshalb wollen wir das Werk des Heiligen Geistes in und mit Maria betrachten, um besser wahrnehmen zu können, wie wir „vereint mit Maria den Eingebungen des Heiligen Geistes folgen“ (vgl. Tagesgebet) können. Ja, wenn wir auf das Gebet Marias und ihre Wallfahrt schauen, bedeutet das für uns, dass wir Gott in uns wirken lassen, wie er in ihr gewirkt hat. Das Fest Mariä Heimsuchung, das in Deutschland am 2. Juli, nach dem liturgischen Kalender der Gesamtkirche aber am 31. Mai gefeiert wird, ist für uns heute eine gnadenvolle Möglichkeit, unsere Betrachtung über Maria zu vertiefen. Auf dem Holzrelief links neben dem Tabernakel auf dem Hochaltar sehen wir eine Darstellung der Begegnung von Maria und Elisabet, d. h des zweiten Gesätzes des freudenreichen Rosenkranzes: „den du zu Elisabet getragen hast“.

1. Warum hat sich Maria auf den Weg gemacht, nachdem der Engel Gabriel sie hatte wissen lassen, dass ihre Verwandte Elisabet trotz ihres Alters einen Sohn erwartete (vgl. Lk 1, 35)? Wollte Maria das selber überprüfen? Auf keinen Fall! Denn unmittelbar vorher war ihr gesagt worden, der Heilige Geist werde über sie kommen und die Kraft des Höchsten werde sie überschatten (vgl. Lk1, 35). Maria wird vom Heiligen Geist geführt, um ihren Sohn, den sie in ihrem Schoß trägt, zur Begegnung mit Johannes zu bringen. Beide Söhne – Jesus und Johannes – wurden durch den Engel Gabriel angekündigt, und schon im Mutterschoß Elisabets wurde ihre künftige Beziehung angedeutet. „Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib“ (Lk 1, 41). Der spätere Vorläufer Jesu, der Prophet, der auf den Messias zeigen wird, kündigt den menschgewordenen Sohn Gottes an, noch bevor er geboren ist.

Dieses Geschehen zwischen den beiden Müttern bezeugt klar und ohne einen Zweifel, dass das Kind, das Maria erwartet, wahrhaftig Mensch ist, und das seit seiner Empfängnis. So erklärt sich, warum die Lehre der Kirche von Anfang an jedwede Abtreibung und Manipulation von Embryonen verurteilt, wie es schon im Diognetbrief zu Beginn des zweiten Jahrhunderts geschieht.

Das soll für uns heute auf der menschlichen Ebene eine erste Gabe des Geistes Gottes auf unserer Wallfahrt nach Maria Rosenberg sein: die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.

2. Eine zweite Gabe betrifft auf der geistlichen Ebene unseren Glauben. Das Evangelium berichtet davon, dass Elisabet, als sie den Gruß Marias hörte, vom Heiligen Geist erfüllt wurde und mit lauter Stimme rief: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen. … Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“ (Lk 1, 42-45). Die Grundlage der Seligpreisung ist der Glaube. Das gilt für Maria wie auch für uns. So antwortete Jesus einmal einer Frau, die zu ihm sagte: „Selig der Leib, der dich getragen und deren Brust dich genährt hat“, mit den Worten: „Selig vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11, 27f). Ja, Maria hat das Wort Gottes sofort angenommen, und ihr Magnificat lässt uns verstehen, wie sie alles auf Gottes Gnade zurückführt. Sie ist die Magd des Herrn – berufen, Mutter Gottes zu sein. Ihr Glaube an Gott geht ihrer Schwangerschaft voraus. Die Kirchenväter pflegen zu sagen, Maria habe Gott zuerst in ihrem Herzen und dann in ihrem Schoß empfangen (vgl. Augustinus, Sermo 196, 1).

Deshalb ist Maria ein Vorbild im Glauben; wir können sehen, wie sie die Seligpreisungen ganz und gar erlebt hat. Ihr Magnificat ist wie ein Spiegel von ihnen; und in beiden stellen wir fest: das Paradox der Seligkeit besteht in unserer Hingabe an Gott. Dem entspricht, wenn Jesus den Jüngern sagt: „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet“ (Lk 14, 33); und an anderer Stelle sagt er: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“ (Lk 12, 34).

Mit Maria haben wir unseren ewigen Schatz, ihren Sohn Jesus Christus, unseren Erlöser, wenn wir wie sie glauben, dass sich erfüllt, was der Herr uns sagen lässt (vgl. Lk 1, 45).

3. Noch eines bleibt uns zu betrachten, damit unser geistliches Flügelretabel vollständig wird: Welche Rolle spielt Maria für uns heute? Warum sind wir heute als Pilger zu ihr gekommen? Vielleicht wissen Sie, dass Papst Paul VI. während des Zweiten Vatikanischen Konzils Maria den Titel „Mutter der Kirche“ zuerkannt hat. Der Titel „Mutter Gottes“ für Maria war auf dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 bestätigt worden. Das Zweite Vatikanum widmet Maria das letzte Kapitel der Dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“ über die Kirche und sagt dort im Abschnitt über „die selige Jungfrau und die Kirche“: „In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen“ (Nr. 62). Im Weiteren werden wir dazu ermahnt, dass die wahre (Marien)andacht … aus dem wahren Glauben hervorgeht, durch den wir zur Anerkennung der Erhabenheit der Gottesmutter geführt und zur Nachahmung ihrer Tugenden angetrieben werden“ (Nr. 67).

In eben diesem Anliegen haben wir uns im heutigen Tagesgebet mit der Bitte an Gott gewandt, dass er uns helfe, den Eingebungen seines Geistes zu folgen, damit wir vereint mit Maria seine Größe preisen (vgl. Tagesgebet).   

Könnten wir schönere und wohlriechendere Rosen von unserer Pilgerfahrt nach Maria Rosenberg nach Hause mitbringen als die, dass wir die Geheimnisse ihres Rosenkranzes in unserem Leben sichtbar machen?
Amen!