17 06 04 Predigt von Nuntius Eterovic zum Hohen Pfingstfest in der Marienbasilika zu Kevelaer

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am Hohes Pfingstfest

Marienbasilika zu Kevelaer, 4. Juni 2017


 
„Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh 20,22).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
Mit großer Freude feiern wir das Hohe Pfingstfest. Es wird 50 Tage nach der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus begangen. Wie er versprochen hatte, sandte er, verherrlicht und aufgenommen in den Himmel, seinen Jüngern den Heiligen Geist. Auf diese Weise ist das Heilswerk an ein Ende gekommen. Unsere Freude ist umso größer, weil wir Pfingsten an diesem heiligen Ort von Kevelaer feiern, wohin seit 375 Jahren die Menschen zur Gottesmutter pilgern. Wie einst im Abendmahlssaal von Jerusalem, so ist auch heute die selige Jungfrau Maria unter uns und bittet für uns alle, damit wir die Fülle des Heiligen Geistes empfangen und treue Jünger Jesu Christi und eifrige Missionare seines Evangeliums werden.
 
Das Wort Gottes beschreibt gut das Pfingstereignis und die Wirkungen der Herabkunft des Heiligen Geistes. Verweilen wir bei einigen Aspekten, die für unser persönliches und gemeinschaftliches Leben als Christen wichtig sind. Betrachten wir kurz die Bedeutung des Anhauchens der Jünger durch Jesus Christus (1), das Symbol des Windes (2), der Feuerzungen (3) und des Wassers (4), wie auch die Wirkungen des Geistes: den Frieden (5), die Dynamik der Verkündigung des Evangeliums (6), die Einheit in der Verschiedenheit (7).  
 
1. Das Anhauchen Jesu.
 
Im kurzen Abschnitt des Johannesevangeliums hat der auferstandene Herr die Jünger zweimal mit dem österlichen Gruß begrüßt: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19.21). „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,21). Dieses Bild erinnert uns an die Schöpfung der Welt, denn „die Erde war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,2). Der Heilige Geist, der nach der Vision des Propheten Ezechiel imstande ist, Tote zum Leben zu erwecken (vgl. Ez 37,9), schenkt den Jüngern Jesu Christi ein neues Leben. Es handelt sich um eine neue Schöpfung, gewirkt aus dem Sieg Jesu Christi über Sünde und Tod. Bevor er die Seinen anhauchte, zeigte er seinen Jüngern „seine Hände und seines Seite“ (Joh 20,2), wo die Zeichen, die Wunden seiner Passion zu sehen waren. Die Christen, die den Heiligen Geist empfangen haben, sind daher Teil dieser neuen Schöpfung, sind einverleibt in den geheimnisvollen Leib Jesus Christi, der die Kirche ist. Diesbezüglich gelten uns die Worte des Heiligen Paulus: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). 
 
2. Der Wind.
 
In der Beschreibung Pfingsten ist der Wind das erste Hinweiszeichen. „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren“ (Apg 2,2). Den Wind hört man, aber man sieht ihn nicht. So ist es mit dem Heiligen Geist, er ist unsichtbar, aber erfüllt das Herz des gläubigen Menschen, wie das gesamte Universum. Jesus hat das Symbol des Windes angewandt, um die universellen Wirkweisen des Heiligen Geistes zu beschreiben: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3,8). Der Wind ist gleichsam ein Symbol von Bewegung, von Dynamik, von Energie, die verhindert, dass das Wasser stehen bleibt. Lassen wir also zu, daß der Wind des Geistes in uns und um uns herum wirkt. 
 
3. Das Feuer.
 
Das zweite Symbol für das Kommen des Heiligen Geistes ist das Feuer: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 2,3-4). Das Feuer hat verschiedene Bedeutungen: es erleuchtet, wärmt, reinigt, entfaltet, was in sich erstarrt ist, fügt die Elemente zusammen, die verschieden sind. Johannes der Täufer hat über Jesus Christus prophezeit: „Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen“ (Lk 3,16). Der Herr Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen“ (Lk 12,49). Der Heilige Geist ist wie ein Feuer, das in den Herzen der Gläubigen brennt, die Energie, welche die Menschen verwandelt und fähig macht, als Christen zu leben und die gute Botschaft den Nahen und Fernen zu bezeugen. Wir alle haben das Feuer des Geistes nötig, vor allem wir Christen in Europa, das seine christlichen Wurzeln zu vergessen scheint, die Quellen des Lebens und der Hoffnung. 
 
4. Das Wasser.
 
In der zweiten Lesung erinnert der Heilige Paulus daran: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen“ (1 Kor 12,13) „und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt“ (1 Kor 12,13). Daher ist das Wasser eines der Symbole des Heiligen Geistes. In seinem öffentlichen Wirken hat der Herr Jesus das Wasser mit der Gabe des Heiligen Geistes verbunden. So gibt der Heilige Johannes die Worte des Meisters wieder: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“ (Joh 7,37-39). Das Wasser, die Lebensgabe, ist fruchtbar, Durst stillend, es macht sauber und reinigt. Das Wasser ist verbunden mit dem Sakrament der Taufe, das uns eingliedert in die Kirche, den Leib, dessen Haupt Jesus Christus ist (vgl. Kol 1,18). Der Heilige Geist ist das lebendige Wasser, das aus der Seitenwunde des gekreuzigten Herrn Jesus fließt (vgl. Joh 19,34) und das die Verheißung erfüllt, die er der samaritischen Frau gab: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4,13-14). So wollen wir unseren Durst mit dem lebendigen Wasser des Heiligen Geistes stillen, der Quelle des ewigen Lebens. 
 
Aus dem Wort Gottes können wir folgende Wirkungen des Heiligen Geistes ableiten: 
 
5. Der Friede.
 
Der auferstandene Herr grüßt seine Jünger nicht nur mit „Friede sei mit euch!“, sondern er gibt ihnen den Frieden, den nur er und nicht die Welt geben kann (vgl. Joh 14,27). Um diesen Frieden zu erlangen, ist es nötig, den Heiligen Geist zur Vergebung der Sünden zu empfangen. Die Worte des auferstandenen Herrn sind klar: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Daher ist der wahre Friede eine Frucht des Heiligen Geistes, der Gabe des auferstanden Herrn. Er wird im reinen Herzen eines jeden Gläubigen geboren und verbreitet sich im Umfeld der Familie, in der er lebt, in den Beziehungen mit den Personen, denen er begegnet, und leistet letztlich einen Beitrag dafür, den Frieden in unserer Welt aufzurichten, den sie so sehr braucht. 
 
6. Die Dynamik zur Verkündigung des Evangeliums. 
 
Der Heilige Geist verändert die Apostel. Waren sie furchtsam und eingeschlossen im Abendmahlssaal aus Angst vor den Juden (vgl. Joh 20,19), gehen sie nun hinaus und verkünden ohne Furcht die gute Nachricht. „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab" (Apg 2,4). Auch im Johannesevangelium fordert der auferstandene Herr die Jünger zur Mission auf. Sie gründet im Willen Gottvaters: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch" (Joh 20,21). Die Apostel mussten den Heiligen Geist empfangen, um das Gebot Jesu Christi in die Tat umsetzen zu können: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28,18-20).
 
7. Die Einheit in Verschiedenheit.
 
Der Heilige Paulus beschreibt im Korintherbrief die Wirklichkeit des christlichen Lebens, die zugrundeliegende Einheit drückt sich in der Verschiedenheit der Gaben und Charismen aus. „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen" (1 Kor 12,4-6). Der Völkerapostel verwendet das Bild vom Leib, um die Einheit in Verschiedenheit zu beschreiben. „Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen" (1 Kor 12,12-13). Der Heilige Geist sammelt die Völker verschiedener Nationen und Sprachen in Einheit, wie es im Bericht über die erste Predigt der Apostel am Pfingsttag beschrieben wird. Auf diese Weise wird die Teilung überwunden, die mit dem Turmbau zu Babel ihren Anfang nahm (vgl.  Gen 11,1-9).  Im Gegensatz zur Zerstreuung aufgrund des Ungehorsams gegenüber Gottes Willen stellt das Pfingstfest die Einheit der Menschen in unserer Welt, die zum Heil berufen sind, wieder her.
 
Liebe Brüder und Schwestern, lassen wir uns vom Heiligen Geist führen, den jeder von uns im Sakrament der Taufe bereits empfangen hat. Erlauben wir dem Geist, seine Gegenwart in uns zu wecken - und durch uns in der Kirche und in der Welt. Lassen wir den Heiligen Geist in uns und in der kirchlichen Gemeinschaft als Wind, Feuer und Wasser wirken. Er möge unter den Christen das Band der Einheit und der Liebe sein und bewirke eine erneuerte Dynamik zur Evangelisierung unserer Welt. Vereint mit der seligen Jungfrau Maria und allen Heiligen erflehen wir die Gabe des Heiligen Geistes: „Komm, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe". Amen.