17 06 20 Predigt von Nuntius Eterovic bei der Jahreshauptversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
bei der Jahreshauptversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz

Vallendar, 20. Juni 2017
 

 
„Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Gerne habe ich die Einladung angenommen, auch in diesem Jahr an dieser Konferenz der deutschen Ordensoberen teilzunehmen und vor allem, dieser Heiligen Messe vorzustehen. Das gibt mir die Gelegenheit, Ihnen allen die herzlichen Grüße des Heiligen Vaters Franziskus, des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche, zu übermitteln, den ich die Ehre habe, in der Bunderepublik Deutschland zu vertreten. Papst Franziskus, der Jesuit war, schätzt die Ordensleute hoch, was er schon mehrfach gezeigt hat. Als ein Beispiel rufe ich seine Worte in Erinnerung, die er getwittert hat: „Das geweihte Leben ist ein großes Geschenk Gottes: ein Geschenk Gottes an die Kirche, ein Geschenk Gottes an sein Volk“ (2. Februar 2017). 
 
Ohne müde zu werden, bittet der Bischof von Rom darum, für ihn zu beten. Wir beten jeden Tag für ihn und seinen Petrusdienst der Einheit und der Liebe. Wir tun dies besonders in dieser Eucharistiefeier. An deren Ende erteile ich Euch als Zeichen der Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater den Apostolischen Segen. 
 
Liebe Brüder und Schwestern, das Wort Gottes, das wir gehört haben, ruft uns zu einem authentischen christlichen Leben, zur Großzügigkeit in den Werken der Liebe, wie es die Teilnahme der Urgemeinden an der Kollekte für die Armen der Kirche von Jerusalem war (vgl. 2 Kor 8,1-9) zeigt, zur Fruchtbarkeit in der Liebe zu allen Menschen, einschließlich der Feinde, wie es Jesus im heutigen Evangelium lehrt (vgl. Mt 5,43-48). Dies ist Teil der Bergpredigt, die in gewisser Weise das Programm Jesu darstellt und Magna Charta des Christentums genannt werden kann. Wir haben diese Worte schon oft gehört. Sie sind schon vielfach Gegenstand tiefer Überlegungen und wiederholter Meditationen gewesen, um sie tiefer in unsere Herzen und in unseren Geist dringen zu lassen, so daß sie zur sicheren Orientierung in unserem christlichen Leben werden, im persönlichen wie gemeinschaftlichen Leben. Es braucht hierzu aber auch das Nachdenken über die Existenz Gottes (I) und die christliche Antwort im Allgemeinen (II) und zum geweihten Leben im Besonderen (III).
 
1. Die Gottesfrage
 
In diesem Zusammenhang möchte ich beim letzten Vers des heutigen Evangeliums verweilen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Diese Maxime Jesu im Matthäusevangelium bezieht sich auf die bekannte Aufforderung von JHWH im Alten Testament: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2). Beide Aussagen rufen wach, wie wichtig der Glaube an Gott ist. Das Maß der Heiligkeit ist für die religiösen Menschen die Heiligkeit Gottes, dreimal heilig (vgl. Jes 6,3). Die Gläubigen sind zur Vollkommenheit im Maß der Vollkommenheit Gottes gerufen, unseres Vater, der im Himmel ist (vgl. Mt 6,9).
 
Die biblischen Aussagen setzen den Glauben an Gott voraus. Er war in den früheren Generationen gemeinschaftlich akzeptiert und Teil ihres religiösen, kulturellen und sozialen Lebens. Am Freitag, den 9. Juni habe ich an der Eröffnung des diesjährigen Bachfestivals in der Thomaskirche in Leipzig teilgenommen. Die dort aufgeführten Musikstücke spiegelten den Glauben eines solchen Umfeldes, welcher dann durch die großen Musiker zum Ausdruck gebracht wurde. So Johann Sebastian Bach in Wir glauben all an einen Gott (BWV 680); Ein feste Burg ist unser Gott (BWV 80) oder Felix Mendelssohn Bartholdy in der Sinfonie Nr. 2 B-Dur Lobgesang (op. 52, MWV A 18). Der Glaube an Gott dauert auch in der Welt von heute an. Nach einigen Statistiken glauben mehr als 80% der Weltbevölkerung an Gott (vgl. 2001 World Christian Trends). In einigen Teilen, wie zum Beispiel in Europa, ist diese Gläubigkeit jedoch nicht mehr so vorherrschend. Mit Bezug auf Deutschland liegt die Zahl derer, die keiner Religion angehören, bei etwa 36%, was die größte Einzelgruppe hinsichtlich der Religionszugehörigkeit wäre, wenn man die Katholiken bei 28,9% und die Protestanten bei 27,1% annimmt (Quelle: Statistisches Bundesamt). Nach einer anderen Untersuchung (vgl. Umfrage-Statista 2015: Glaube an Gott in Deutschland), glauben 58% der Deutschen an Gott, in Westdeutschland 67%, in Ostdeutschland hingegen liegt die Zahl bei nur 25%. Die Nichtglaubenden kommen in ganz Deutschland auf 38%, im Westen sind es 29%, in Ostdeutschland 73%. Selbstverständlich muss man wissen, wie die statistischen Zahlen zu lesen und zu interpretieren sind. Aber in einem einfachen Rahmen ergibt sich, daß in der Bundesrepublik Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung nicht an Gott glaubt. Wir können als Christgläubige angesichts dieser Fakten nicht gleichgültig bleiben, und es erhebt sich spontan die Frage nach den Gründen eines solchen Phänomens. 
 
2. Die christliche Haltung.
 
Überlassen wir es den Fachleuten der verschiedenen Disziplinen, auf diese Frage zu antworten. Wir glauben an die christliche Sicht des Menschen, an seine Einzigartigkeit, seine Würde und seine Bestimmung, die wesentlich mit Gott verbunden ist. Diese Vision basiert auf der Heiligen Schrift und auf der lebendigen Tradition der Kirche, authentisch vom Lehramt der Kirche interpretiert. Erinnern wir uns besonders der Schöpfungsgeschichte des Menschen, der als Abbild Gottes geschaffen wurde (vgl. Gen 1,27). Dieses Abbild, das aus verschiedenen Gründen überschattet sein kann, bleibt für immer eingeprägt im Innersten eines jeden Mannes und jeder Frau und führt sie zu ihrer ursprünglichen Quelle, die Gott ist. Diesbezüglich bleibt der bekannte Satz des Heiligen Augustinus aktuell: „Zu deinem Eigentum erschufst du uns, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“ (Conf. 1,1). Im letzten Buch des Neuen Testamentes, wird Jesus Christus als der vorgestellt, der vor jedem Menschen steht und den Wunsch hat, ihm zu begegnen und zusammen mit ihm zu gehen: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb 3,20). Zu diesem Wunsch Gottes, dem Menschen zu begegnen, auch dem, der denkt, weit weg von Gott zu sein, hat Papst Franziskus unter anderem in der Katechese am 7. Juni 2017 gesagt: „Liebe Brüder und Schwestern, wir sind nie allein. Wir können fern sein oder feindlich gesinnt, wir könnten uns als jene „ohne Gott“ bezeichnen. Aber das Evangelium Jesu Christi offenbart uns, daß Gott nicht ohne uns sein kann: Er wird niemals ein Gott „ohne Menschen“ sein; Es ist ER, der nicht ohne uns sein kann, und dies ist ein großes Geheimnis! Gott kann nicht Gott sein ohne den Menschen: ein großes Geheimnis ist das! Und diese Sicherheit ist die Quelle unserer Hoffnung, die wir bewahrt finden in den Anrufungen des Vater unser. Wenn wir der Hilfe bedürfen, sagt uns Jesus nicht, daß wir uns zurückziehen und in uns verschließen sollen, sondern daß wir uns an den Vater wenden und Ihn vertrauensvoll bitten können. All unsere Notwendigkeiten, jene eindeutigen und täglichen, wie die Nahrung, die Gesundheit, die Arbeit, bis zu jenen, die zu vergeben sind und uns in Versuchung führen, sind nicht der Spiegel unserer Einsamkeit: nein, es gibt einen Vater, der immer mit Liebe über uns wacht und der uns ganz sicher nicht verlässt“. 
 
3. Die prophetische Berufung des geweihten Lebens.
 
Ich muss zugeben, daß mir diese beiden Sätze aus dem ersten und dem letzten Buch der Bibel in den Sinn gekommen sind, als ich die religiösen Stücke der erwähnten Komponisten Johannes Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy in der geschichtsträchtigen Leipziger Thomaskirche hörte. Nach den oben erwähnten Statistiken müssen wir auch die Personen berücksichtigen, die sich offiziell und öffentlich nicht als Gläubige erklären. Ich konnte aber ihre Sammlung wahrnehmen, den Frieden auf ihren Gesichtern, was mich auf eine Begegnung mit Ihm hoffen lässt, der die Quelle und der Höhepunkt der Schönheit und der Harmonie ist. Diese Erfahrung hat einerseits die Überzeugung gestärkt, daß jeder Mensch für Gott offen ist, und andererseits, daß Gott geduldig auf diese Begegnung wartet. Ihm stehen viele Weisen zur Verfügung, dies zu verwirklichen. Oft aber bedient er sich dabei unser selbst, des Beispiels unseres christlichen Leben, unserer liturgischen Feiern, unserer Zeugnisse der caritativen Werke, der Schulen, Krankenhäuser, Einrichtungen, unserer Verkündigung durch Predigt und Katechese, mittels der modernen Kommunikationsmittel. Bei diesem Werk nimmt das geweihte Leben eine besondere Rolle ein. Die Ordensleute sind heute mehr denn je gerufen, Zeugen Gottes zu sein, seiner Existenz und seiner Gegenwart in der Geschichte der Menschen und der Welt. Es handelt sich um die prophetische Mission des geweihten Lebens in der säkularisierten Welt. In diesem Umfeld wird jede Gemeinschaft, jedes Kloster zu einer geistlichen Oase, die für sich davon spricht, daß Gott existiert, daß Ihr Männer und Frauen seid, die ihm begegnet sind und die ihr ganzes Leben geweiht haben, ihn noch mehr zu suchen, zu lieben und diese Freude den nahen und fernen Brüdern und Schwestern zu verkünden. So lehrt uns Jesus Christus: „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mt 22,32). Er hat uns zur Heiligkeit, zur Vollkommenheit, zur Glückseligkeit des ewigen Lebens gerufen (vgl. Joh 6,47). 
 
Vertrauen wir unsere Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter der Kirche, damit wir vom Heiligen Geist, der Gabe des auferstandenen Herrn erleuchtet unser ganzes Leben der Suche des Angesichtes Gottes weihen können und Wege finden mögen, Ihn den Menschen von heute als unaustrinkbare Quelle der Hoffnung, der Freude und des Lebens zu verkünden. Amen.