17 07 05 Predigt von Nuntius Eterovic beim Besuch des ZdK in Bonn

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
beim Besuch des Generalsekretariates des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Bonn, 5. Juli 2017


 
„Die ganze Stadt zog zu Jesus hinaus; als sie ihn trafen, baten sie ihn, ihr Gebiet zu verlassen“ 
(Mt 8,34).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Dankbar bin ich der göttlichen Vorsehung für die heutige Begegnung hier in Bonn im Zentralsekretariat des ZdK und besonders dafür, daß wir um diesen Altar versammelt sind, um die Eucharistie zu feiern. Ich danke Eurem Präsidenten Prof. Dr. Thomas Sternberg von Herzen für die freundliche Einladung, die ich aus drei Gründen sehr gerne angenommen habe: 1. Um die herzlichen Grüße von Papst Franziskus zu übermitteln, den ich die Freude habe, in der Bundespublik Deutschland zu vertreten; 2. um Eure Anliegen und Sorgen zu hören und die Prioritäten Eurer Arbeit im Schoß der Kirche und in der Gesellschaft kennenzulernen und 3. um gemeinsam einige Punkte des christlichen Lebens zu reflektieren, die auch das Wort Gottes, das wir gehört haben, vorschlägt.  
 
1. Das Band der Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom
 
In dieser Eucharistiefeier werden wir in besonderer Weise für den Heiligen Vater Franziskus beten und seiner Bitte nachkommen, die er oft wiederholt, wenn er die Gläubigen einlädt, für ihn und seine Mission zu beten. Das Gebet ist die Kraft der Christen, durch die wir uns durch den Herrn Jesus in der Gnade des Heiligen Geistes mit Gott dem Vater verbinden und zugleich unsere Verbindung mit den Männern und Frauen stärken, für die wir beten möchten. Das Gebet ist ein bedeutender Ausdruck der kirchlichen Gemeinschaft, in der Vertikalen mit dem dreieinen Gott, horizontal mit den Brüdern und Schwestern in Kirche und Welt. Das Gebet für Papst Franziskus stärkt zudem unsere katholische Einheit mit dem obersten Hirten der Kirche, der „das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ ist, woran uns das Zweite Vatikanische Konzil erinnert (LG 23). Durch das Gebet treten wir außerdem in die Beziehungen der Liebe mit dem Bischof von Rom ein, dem 265. Nachfolger des Heiligen Petrus, mit dem Stuhl Petri, „welcher der gesamten Liebesgemeinschaft vorsteht“ (LG 13). Ich habe die Freude, Euch die herzlichen Grüße des Heiligen Vaters gemeinsam mit dem Dank für all das Gute zu überbringen, was das ZdK in seiner 168-jährigen Geschichte getan hat. Am Ende der Heiligen Messe erteile ich Euch im Namen des Heiligen Vaters den Apostolischen Segen. 
 
2. Das weite Feld der Welt
 
Ich danke Euch für all die guten Informationen über die Geschichte des ZdK, in der es bei all den vielen positiven Aspekten nicht auch an Problemen und Schwierigkeiten verschiedener Art mangelte, wenn es um gegenwärtige oder zukünftige Projekte ging. Das liegt in den Händen Gottes, der jedoch die Mitarbeit von uns Menschen verlangt, persönlich und als Glieder der kirchlichen Gemeinschaft, damit das aufkeimende Reich Gottes in unserer Welt stärker präsent werde. Wir leben in einer sehr komplexen Welt, die voller vielversprechender Zeichen ist, aber auch große Herausforderungen zumutet wie Gewalt, Terrorismus, Kriege, Klimawandel, Armut und Hunger, unter dem in unseren Tagen etwa 800 Millionen Menschen leiden. Tatsächlich ist es die Berufung der Laien, wie uns das Ökumenische Konzil lehrt, „in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen“ (LG 31). Es handelt sich um eine große und wichtige Aufgabe, die nur die Laien zu erfüllen imstande sind. Auf diesem Gebiet eröffnet sich für die Mitglieder des ZdK ein weites Feld. Der Heilige Vater hat hierfür in seinem Lehramt, besonders in der Enzyklika Laudato si‘ wertvolle Anregungen gegeben. 
 
3. Reflektion zu zwei Aspekten, die sich aus den heutigen biblischen Lesungen ergeben.
 
a) Die Entfernung von Gott. 
 
Im Matthäusevangelium heilt Jesus zwei Besessene. Die Erzählung ist voller Einzelheiten, die den semitischen Stil ausdrücken, und doch bringt sie in Wirklichkeit jene grundsätzliche Haltung zur Anwendung, die sich in zwei Versionen im selben Evangelium findet: „Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden“ (Mt 4,23). In der zweiten Beobachtung wird Galiläa ersetzt durch die Formulierung: „Jesus zog durch alle Städte und Dörfer“ (Mt 9,35. Beim öffentlichen Wirken Jesu klingen der Weg, die Lehre und das Heilen zusammen. Daher überrascht die Reaktion der Bewohner von Gadara, die von der Heilung der zwei Besessenen gehört hatten, zu Jesus kamen, und „als sie ihn trafen, baten sie ihn, ihr Gebiet zu verlassen“ (Mt 8,34). Die Entscheidung der Bewohner, wahrscheinlich jener der Stadt Gadara, erinnert uns jedoch an viele Brüder und Schwestern, die individuell oder als Gruppe ihre Herzen für Gott verschließen und leben, als existiere Gott nicht. Auf unserem europäischen Kontinent gibt es sehr säkularisierte Gegenden, wo ein hoher Prozentsatz der Bewohner sich als Nichtgläubige erklärt oder sich als religionslos bezeichnet. Mit Blick auf Deutschland erklären 36% der Bewohner, keiner Religion anzugehören; 58% sagen, sie glauben an Gott (67% in Westdeutschland und 25% in Ostdeutschland). Die Nichtglaubenden bilden 38% der Bevölkerung; 29% im Westen, 73% im Osten Deutschlands. Diese statistischen Daten sollten alle Christen aufrütteln, besonders die Mitglieder der Institutionen und Bewegungen der Katholischen Kirche. Ohne in die detaillierte Bewertung der statistischen Daten einzutreten, bestätigen sie, daß die grundsätzliche Herausforderung unserer Zeit der Glaube ist. In der Enzyklika Lumen fidei, die vierhändig von Papst Franziskus und seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. geschrieben worden ist, wird die Mentalität nicht weniger unserer Zeitgenossen, die nicht mehr das Licht des Glaubens wahrnehmen oder leben, so beschrieben: „Mit dem Aufkommen der Neuzeit meinte man, ein solches Licht sei für die antiken Gesellschaften ausreichend gewesen, für die neuen Zeiten, den erwachsen gewordenen Menschen, der stolz ist auf seine Vernunft und die Zukunft auf neue Weise erforschen möchte, sei es jedoch nutzlos. In diesem Sinn erschien der Glaube als ein trügerisches Licht, das den Menschen hinderte, sich wagemutig auf die Ebene des Wissens zu begeben“ (LF 2). Hier haben wir eines der großen Aufgaben der heutigen Christen, die Mitglieder des ZdK eingeschlossen, den Zeitgenossen auf dem politischen und sozialen Feld das Licht des Glaubens und die Freude am Evangelium (Evangelii gaudium) vorzuleben und vorzuschlagen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die Getauften, die sich von der Kirche entfernt haben. Sie meint der Heilige Vater mit seinem Gebetsanliegen im Monat Juli: „Daß unsere Schwestern und Brüder, die den Glauben verloren haben, durch unser Gebet und unser Zeugnis für das Evangelium die barmherzige Nähe des Herrn und die Schönheit des christlichen Lebens wieder entdecken“. 
 
b) die Verschiedenheit der Berufungen.
 
Die erste Lesung aus dem Buch Genesis erinnert uns an die Erfüllung der Verheißung JHWH an Abraham über seine Nachkommen auch in den Wechselfällen des Lebens, so wie die Eifersucht zwischen Sarah, die Mutter Isaaks, und Hagar, die Magd, mit der Abraham den Ismael zum Sohn hat. Uns ist die theologische Interpretation des Heiligen Paulus über die beiden Söhne Abrahams bekannt, jenen des Fleisches und den der Verheißung (vgl. Gal 4,21-5,1). In seiner Güte und Barmherzigkeit segnet Gott beide Söhne und verheißt, daß aus beiden große Nationen hervorgehen werden. Diese Tatsache hat mich veranlasst, über die Verschiedenheit der Berufungen in der Kirche nachzudenken, insbesondere die der Laien und der Angehörigen des Klerus. Jeder hat seinen eigenen Platz, für jeden hat Gott eine spezifische Berufung, so daß diese beiden Berufungen miteinander verwoben sind. Der Klerus, Bischöfe, Priester und Diakone sind auf die Laien hin geordnet, die Laien ihrerseits auf den Klerus. Man muss zwei Extreme vermeiden: die Klerikalisierung der Laien und die Verweltlichung des Klerus. Es handelt sich um eine Gefahr, von der schon der Heilige Johannes Paul II. gesprochen hat (vgl. Brief an die Priester am Gründonnerstag 1989). Mit Blick auf den Klerikalismus hat der Heilige Vater Franziskus geschrieben: „Der Klerikalismus führt dazu, die Laien homogen zu machen; indem er sie als »Bittsteller« behandelt, beschneidet er die verschiedenen Initiativen, Bemühungen, ja ich wage sogar zu sagen die kühnen Taten, die notwendig sind, um die Frohbotschaft des Evangeliums in alle Bereiche des gesellschaftlichen und besonders des politischen Lebens zu tragen. Weit davon entfernt, den verschiedenen Beiträgen und Vorschlägen Impulse zu verleihen, löscht der Klerikalismus allmählich das prophetische Feuer aus, von dem die ganze Kirche in den Herzen ihrer Völker Zeugnis ablegen soll. Der Klerikalismus vergisst, dass die Sichtbarkeit und die Sakramentalität der Kirche zum ganzen Gottesvolk gehören (vgl. Lumen gentium, 9-14) und nicht zu einigen wenigen Auserwählten und Erleuchteten“ (Brief an Marc Kardinal Quellet, Präsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, 19. März 2016).

Die gute Zusammenarbeit von Klerus und Laien ist wesentlich für das Leben der Kirche. Das findet sich schon beim Heiligen Paulus, wenn er vom Geist und der Gemeinde spricht: „Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,4-7). 
 
Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir diese Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter der Kirche, damit wir vom Heiligen Geist erleuchtet gläubig die Berufung erfüllen können, die der Herr für jeden von uns zum Dienst an unserer einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche bereit hält. Amen.