16 06 14 Predigt von Nuntius Eterovic auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
bei der Deutsche Ordensoberenkonferenz
 
Vallendar, 14. Juni 2016
 

 
„Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Am Ende der jährlichen Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensoberenkonferenz danken wir dem dreieinen Gott für die Gnade, daß wir diese Tage gemeinsam verbringen konnten in einer wunderbaren christlichen Geschwisterlichkeit. Wir danken Ihm, daß wir zusammen beten und nachdenken konnten über das Thema: „Weil ihr Fremde seid“. Wir sind für die Gnade des Heiligen Geistes offen, der uns und unsere Gemeinschaften auf dem Weg zu Gott führen will – im Kleinen jede Ordensgemeinschaft, im Großen die Universalkirche. 
 
Im Licht des Wortes Gottes, das verkündet worden ist, möchte ich mit Euch nachdenken über drei Themen: 1. Die Zentralität Gottes; 2. der möchte, daß wir die Fremden aufnehmen; und 3. auch unsere Feinde lieben. 
 
1. Die Zentralität Gottes.
 
Unter den Geboten, die JHWH seinem Volk über Mose vermittelt hat, lesen wir auch folgende Worte: „Du sollst einen Fremden lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34). Die Autorität der offenbarten Worte kommt von Gott. Er hat nicht den Menschen nicht nur nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen (vgl. Gen 1,26-27), sondern hatte nach dem Sündenfall der Stammeltern Erbarmen mit den Menschen und ihnen aufs Neue die Möglichkeit des Heils eröffnet. Er hat den Bund mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen. Durch Mose hat er sein Volk aus der Sklaverei Ägyptens hin zum gelobten Land geführt. Dieser Weg hat sich mit der Offenbarung Jesus Christi fortgesetzt. Mehr noch, in Ihm, dem eingeborenen Sohn Gottes, hat der Bund zwischen Gott und der Menschheit ihren Höhepunkt erreicht. Jesus, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), hat uns durch seinen Sieg über Sünde und Tod das Tor zum ewigen Leben geöffnet. Das ganze Heilswerk kommt vom guten und barmherzigen Gott. Er ist der Vater aller Menschen, die untereinander Brüder und Schwestern sind. Alles ist auf Gott gegründet, der für uns Christen sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart ist. 
 
Liebe Brüder und Schwestern, die Gottesfrage ist und bleibt fundamental. Für uns Christen bleibt diese Wahrheit offenkundig: in all unserem Tun beziehen wir uns auf Gott. Das bezieht sich auch auf unser caritatives Handeln mit Blick auf die Fremden, die Armen, die Flüchtlinge und Menschen, die geistliche und materielle Hilfe benötigen. Der Heilige Vater Franziskus betont oftmals, daß die Kirche keine NGO ist, keine nichtstaatliche Organisation. Die Kirche, jede Gemeinschaft und jeder Mensch erfüllt seinen Auftrag gut, wenn er an Gott glaubt, Jesus Christus liebt und geführt wird im Feuer des Heiligen Geistes, um so den Menschen zu helfen, denen er auf seinem Lebensweg begegnet. Unser humanitärer Beistand hat seine Wurzeln im christlichen Glauben. 
 
Es handelt sich um eine evidente Feststellung, die aber sehr wichtig ist, besonders in unserer säkularisierten Welt, in der viele Menschen leben, als gäbe es Gott nicht (etsi Deus non daretur). In diesem Zusammenhang hat das Ordensleben eine besondere, nämlich eine prophetische Rolle. Mit seiner Gegenwart, mehr noch durch sein Handeln ist ein Zeugnis für die Existenz Gottes und verkündet seine Güte und seine Barmherzigkeit zu allen Menschen, vor allem zu den Schwachen. Liebe Schwestern und Brüder, Eure Gemeinschaften sind gleichsam spirituelle Oasen in der Wüste der Welt, einer zuweilen feindlichen Welt, die heute mehr oder weniger gleichgültig geworden ist. Mit Eurem Leben legt ihr beständig den Männern und Frauen die Gottesfrage vor, die Frage, die stets aktuell bleibt, auch wenn sie manchmal unter der Asche vieler weltlicher Arbeit, des Wohlergehens, des Reichtums und des Erfolgs verborgen ist. Aus diesem Grund haben die Kirche und auch die Welt, selbst wenn sie säkularisiert ist, Euch nötig, Euer religiöses Leben, denn wir alle brauchen Gott. 
 
2. Die Fremden aufnehmen.
 
Die Exegeten erinnern an einen ziemlich differenzierten Wortgebrauch für den Fremden im Alten Testament. Das Hebräische kennt drei Begriffe hierfür: um den Fremden oder Fremdling im Sinne des Ausländers zu benennen, heißt es זָר zār, von dem man Angriffe befürchtet, weil man ihn nicht kennt und für potentiell gefährlich wahrnimmt. נָכְרִי nåkhrî bezeichnet einen ausländischen Fremden auf der Durchreise, vor dem man eine gewisse Distanz wahrt, ihm aber dennoch Gastfreundschaft gewährt. Und schließlich גֵּר ger oder תּוֹשָׁב tôšāv – der Fremde oder Beisasse, der rechtlichen Schutz genießt und Wohnung hat oder integriert ist. In diesem Zusammenhang ist die Aufnahme des Fremden der Wille Gottes. „Er lässt kein Ansehen gelten und nimmt keine Bestechung an. Er verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung“ (Dtn 10,18). Auf dieser Zusage der Nähe Gottes zum Fremden gründet sich das Gebot: „Du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34). Das Volk Israel hat sich im Verlauf verschiedener Migrationsbewegungen gebildet. Wir erinnern vor allem an jene aus Ägypten und der Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, was eine fundamentale Rolle in der Geschichte des auserwählten Volkes spielt. Besondere Bedeutung hatte aber auch die Erfahrung im babylonischen Exil. 
 
Jesus selbst hat in seinem eigenen Leben das Schicksal seines Volkes wiederholt. Auch er mußte mit der Heiligen Familie nach Ägypten emigrieren und kehrte nach dem Tod des Herodes in sein Vaterland zurück, wie es der Prophet Hosea prophezeit hat (vgl. Hos 11,1): „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Mt 2,15). Auch Jesus Christus ist dem Fremden begegnet. Auch wenn er sagt, er sei „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24), so hatte er doch Kontakt zu Fremden. Er war sogar erstaunt über deren Glauben, wie die Fälle des römischen Hauptmanns (vgl. Mt 8,10) oder der phönizischen Frau (vgl. Mk 7,26) zeigen, deren Bitten er erhört hat. Seine Worte: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35.43) bleiben daher sehr bedeutsam und fordern uns auf im Fremden den Herrn Jesu selbst aufzunehmen. 
 
Liebe Schwestern und Brüder, das Flüchtlingsthema ist sehr aktuell in unserer Welt, vor allem in Europa. Unser Kontinent ist selbst geboren in der Folge vieler Wanderungsbewegungen. Ohne Anspruch, dieses komplexe Phänomen erschöpfend zu behandeln, müssen wir festhalten, daß der Glaube an Gott uns herausfordert und drängt, unsere geflüchteten Brüder und Schwestern aufzunehmen und ihnen jede mögliche Hilfe zu gewähren. Natürlich muss die Aufnahme mit den staatlichen Stellen koordiniert werden, denn sie haben die Pflicht, die öffentliche Ordnung und die Sicherheit aller Bürger zu garantieren. Als erstes sind sodann die Politiker gefordert, die Hauptursachen von Migration zu lösen: die Kriege und andere Formen von Gewalt, wie auch Armut, die in vielen Fällen verbunden ist mit einem abrupten Klimawechsel, der in weiten Gebieten zu langer Dürre führt. Der Heilige Vater Franziskus wird nicht müde, die internationale Gemeinschaft zu drängen, den Krieg auf Erden zu beenden, besonders im Mittleren Osten und in Nordafrika, wie auch Maßnahmen zur Bewahrung der Schöpfung zu treffen, jenem „gemeinsamen Haus“ (Laudato si‘, 1), das Geschenk Gottes an die ganze Menschheit. Zu der Aufnahme von Flüchtlingen und viel mehr als seine Worte sprechen seine zwei Reisen nach Lampedusa am 8. Juli 2013 und nach Lesbos am 16. April 2016 für seinen Einsatz. Unsere Beziehung zu den Flüchtlingen wird womöglich das entscheidende Charakteristikum des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit sein, in dem wir in Gemeinschaft mit Papst Franziskus stehen. Im Namen des Heiligen Vaters danke ich der Katholischen Kirche in Deutschland für die beispielhafte Aufnahme von Immigranten und die Anstrengung zur Integration in die konkrete Wirklichkeit des Landes. Bei diesem wichtigen Werk haben die Ordensleute und ihre Kongregationen eine beträchtliche Rolle. 
 
3. Die Feinde lieben.
 
Die Synthese der Seligpreisungen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48), schließt auch die Liebe zu den Feinden ein. Es gibt eine gewisse Verbindung zwischen dem Fremden und dem Feind, was sich im hebräischen Sprachspiel zeigt von זָר zār, der Fremde, und  צַר ṣar, der Feind, der Bedränger, gegen den man sich wehren muss. Diese Verbindung aber ist zu überwinden, wie es Jesus Christus getan hat. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung seiner Zeit, die sich ausdrückt im Satz: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“ (Mt 5,43), lehrt der Herr Jesus mit Autorität: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,44-45). Die Liebe zu den Feinden beginnt im Herzen jedes Menschen und drückt sich besonders im Gebet aus. Der Herr Jesus hat sich selbst dargebracht als ein Beispiel dieses Gebotes. Gekreuzigt am Stamm des Kreuzes, hat er für seine Feinde gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Die Vergebung reinigt das Herz, macht es von Gehässigkeit und Hass frei und öffnet es für die Gnade Gottes, der segnet, „die reinen Herzens sind“ (Mt 5,8). Diese Einstellung ist wichtig, um einer anderen Person begegnen zu können, die man aus manchen Gründen für einen Feind hält. Feindschaft setzt eine gewisse Beziehung zwischen zwei oder mehreren Personen voraus. Daher betrifft auch die Vergebung die Personen, die sich feindlich gegenüber stehen. Wir hatten vor fünfzig Jahren ein sehr konkretes Beispiel, als die polnischen und deutschen Bischöfe im Namen ihrer Völker Briefe der Vergebung austauschten für die geschehenen Übel, vor allem während des Zweiten Weltkrieges. Die Formel „wir vergeben und bitten um Vergebung“ brachte einen neuen Geist zu den Christen und Menschen guten Willens beider Völker. Mit der gegenseitigen Vergebung haben sie die Feindseligkeit überwunden, die Wunden konnten heilen und man begann, eine neue Seite in der Geschichte der gegenseitigen Beziehen zu schreiben, was großen Nutzen brachte, nicht nur den Polen und Deutschen, sondern ganz Europa. Natürlich erfordern Vergebung und Versöhnung bei schweren Verbrechen einen Prozess gegen die Täter und eine gerechte Strafe. Aber auch diese Strafe kann zur Gelegenheit der Reinigung werden und zur wünschenswerten Wiedereingliederung in die Gesellschaft führen, wenn sie von innerer Reue begleitet wird. 
 
Liebe Schwestern und Brüder, der Herr Jesus lädt uns ein, vollkommen zu sein wie sein Vater im Himmel (vgl. Mt 5,48). Auf dem Weg zur Vollkommenheit sind wir zur Heiligkeit berufen. Zu diesem Weg gehört die Aufnahme der Fremden, die Hilfe an die Armen, Schwachen und Hilfsbedürftigen in unserer Gesellschaft, vor allem in den großen Städten. Viele Menschen leben dort allein, vor allem die Alten, und warten auf unsere Hilfe. Wenn wir auf sie sensibel schauen, wird der noch größere Einsatz leichter, den Flüchtlingen beizustehen, die an die Türen unserer Städte, unserer Länder, unseres Europa klopfen. Vertrauen wir unsere Überlegungen und besonders unser Gebet der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, damit wir jeden Tag die Bedeutung unseres Glaubens an Gott erkennen und uns führen lassen von seiner Güte und Barmherzigkeit, damit wir die Fremden aufnehmen und fortschreiten auf dem Weg der Liebe zu allen, einschließlich der Feinde.

Amen.