16 06 29 Predigt von Nuntius Eterovic am Hochfest Peter und Paul in Posen

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus

Posen, 29. Juni 2016


 
„Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16).
 
Exzellenzen, 
verehrte Priester, Diakone und Ordensleute, 
sehr geehrte Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Kultur, 
liebe Schwestern und Brüder!
 
Mit diesem Glaubensbekenntnis hat Simon Petrus auf die Frage Jesu geantwortet: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15). Jesus war offensichtlich nicht zufrieden mit den Vorstellungen, welche die Leute mit ihm verbanden, wenn einige ihn „für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten“ hielten (Mt 16,14). Vom Heiligen Geist erfüllt, hat der Apostel Petrus im Namen der übrigen Apostel bekannt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16). Das Glaubensbekenntnis des Heiligen Petrus hat den Zuspruch des Herrn verdient: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“. Darauf folgt die Erteilung einer besonderen Sendung: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Die Verheißung Jesu ist verbunden mit der Schlüsselgewalt, die dem Heiligen Petrus und seinen Nachfolgern gegeben wird. „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 16,19). 
 
Dieser Dialog zwischen Petrus: „Du bist der Messias…“ und Jesus: „Du bist Petrus…“ offenbart den Willen des Herrn Jesus, seine Kirche auf den Glauben des Apostels Petrus zu gründen und ihr bis zum Ende der Zeiten seine Gegenwart und seinen Schutz zu versichern. Ähnliche Gewalt hat Jesus Christus allen Aposteln verliehen, wie uns der Heilige Matthäus überliefert: „Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Mt 18,18). Aber eine persönliche Mission hat er für den Heiligen Petrus reserviert. Das Zweite Vatikanische Konzil und besonders die Dogmatische Konstitution Lumen gentium zeigt klar die Beziehung zwischen dem Amt des Heiligen Petrus und seiner Nachfolger, den Bischöfen von Rom, und dem apostolischen Kollegium, zu dem der Oberste Pontifex zu allen Zeiten als Haupt der bischöflichen Gemeinschaft gehört. Den Glauben an Jesus zu bezeugen: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16), das bleibt in jedem Fall die Hauptaufgabe der Nachfolger des Heiligen Petrus. Die andere, gleichwichtige Aufgabe besteht darin, den Glauben der Gläubigen zu stärken, so wie der Herr verheißen hat: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder“ (Lk 22,31-32). 
 
Liebe Brüder und Schwestern, es ist ein großes Geschenk der göttlichen Vorsehung, das Hochfest der Heiligen Petrus und Paulus in Poznań, der ältesten Diözese in Polen, feiern zu können, in dieser schönen Kathedrale, die den beiden Apostelfürsten geweiht ist. Ich danke herzlich Eurem Oberhirten, Seiner Exzellenz Mons. Stanisław Gądecki, dem Erzbischof von Poznań und Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, für die freundliche Einladung. Das gibt mir die dankbare Gelegenheit, zusammen mit Euch für unsern Heiligen Vater Franziskus zu beten, den 265. Nachfolger des Heiligen Petrus. Auf diese Weise verbinden wir uns mit der Urgemeinde, die inständig für den Heiligen Petrus während seiner Gefangenschaft betete, als Herodes die Verfolgung der ersten Christen in Jerusalem anzettelte (Apg 12,1-11). Papst Franziskus bittet die Gläubigen oft, für ihn und seine wichtige kirchliche Aufgabe zu beten. Begleiten wir mit unserem Gebet die Vorbereitung und das Ereignis des kommenden Weltjugendtages, der vom 26. bis 31. Juli 2016 unter dem Vorsitz des Heiligen Vaters Franziskus in Krakau stattfinden wird. 
 
Bei dieser feierlichen Gelegenheit möchte ich als Vertreter des Heiligen Vaters in der Bundesrepublik Deutschland und als Bischof der Katholischen Kirche einen dreifachen Dank aussprechen: 1. Danke für Euren katholischen Glauben; 2. Danke für Euren Beitrag an die universale Kirche; 3. Danke für Euren kulturellen und sozialen Einsatz in der Welt, besonders in Europa. 
 
1. Danke für Euren katholischen Glauben.
 
Vor kurzem, nämlich vom 14. bis 16. April 2016, habt Ihr den 1.050. Jahrestag der Taufe des ersten polnischen Souveräns, des Fürsten Mieszko I. (940-992) gefeiert. Bei dieser Gelegenheit hat Seine Eminenz Staatssekretär Pietro Kardinal Parolin als Gesandter des Heiligen Vaters Franziskus den Gedenkfeiern in Gnesen und in Poznań vorgestanden. Es handelte sich insofern um ein bedeutendes Ereignis, da ihr erstmals das Jubiläum der Taufe der Nation und der Gründung des polnischen Staates in einem freien und souveränen Polen feiern konntet. Wir danken dem Herrn für dieses Geschenk. Wir danken ihm vor allem für die Treue Eures Volkes zu Gott und zur Katholischen Kirche im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte, die reich an Schwierigkeiten und Herausforderungen waren. So habt ihr gezeigt, daß das Wort: Polonia semper fidelis nicht nur ein schöner Ausspruch ist, sondern die Feststellung einer Wirklichkeit, die sehr häufig den Glauben bis hin zum Martyrium beinhaltet hat. Vertrauen wir der Führung des Heiligen Geistes jeden einzelnen und die Gemeinschaft der Nation an, damit das polnische Volk diese heilige Tradition in Gegenwart und Zukunft fortsetzen möge. 
 
2. Danke für Euren Beitrag für die Katholische Kirche.
 
Im Verlauf ihrer tausendjährigen Geschichte hat die Katholische Kirche in Polen viele Beispiele eines großherzigen pastoralen Einsatzes und zahlreiche Früchte der Heiligkeit hervorgebracht. Zu erinnern ist an die große Zahl von Missionaren und Missionarinnen, die ihr Heimatland verlassen haben, um, angezogen von der Liebe Gottes, die Frohe Botschaft auf der ganzen Welt zu verkünden. Sie waren eifrige Apostel Jesu Christi nach dem Vorbild des Heiligen Paulus, dem großen Missionar des ersten Jahrhunderts der Kirche. Wie der Völkerapostel, haben sie Gott danken können, daß durch sie „die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören“ (2 Tim 4,17). Auch sie haben am Abend ihres Lebens sagen dürfen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“ (2 Tim 4,7). Aber es handelt sich nicht nur um etwas Vergangenes. Auch heute arbeiten viele polnische Missionare und Missionarinnen in vielen Ländern der Welt, so auch in Deutschland. Sie verfolgen gut ihre Sendung, wie ich persönlich dank der Begegnungen mit ihnen bei meinen pastoralen Besuchen bezeugen kann. 
 
Von den Heiligen möchte ich nur zwei hervorheben, die auf der ganzen Welt bekannt und die geistlich verbunden sind mit dem Jahr der Barmherzigkeit, das die Kirche nach dem Willen des Heiligen Vaters Franziskus erleben kann. Es handelt sich um die Heilige Schwester Faustina Kowalska (1905-1938), Apostelin der göttlichen Barmherzigkeit und den Heiligen Papst Johannes Paul II. (1920-2015), der Schwester Faustina im Jahr 2000 heiliggesprochen hat und im Jahr 1992 das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit am zweiten Ostersonntag einführte. Sie haben einen maßgeblichen Beitrag zum Verständnis der göttlichen Barmherzigkeit geleistet, gerade in unserer Welt, die voller Gewalt, Hass, Terrorismus und Krieg ist. Hier ist nötig, beispielhaft an die Enzyklika des Heiligen Johannes Paul II. Dives in misericordia zu erinnern. 
 
3. Danke für Euren kulturellen und sozialen Einsatz.
 
Von den vielen kulturellen und sozialen Beiträgen, die aus dem starken Glauben Eurer Hirten und des gläubigen Volkes kommen (vgl. 1 Kor 16,13), erlaube ich mir an den Brief zu erinnern, den die polnischen Bischöfe am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils an die deutschen Bischöfe gerichtet haben und der zurecht mit dem Satz in Erinnerung bleiben wird: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Vor einigen Monaten haben der polnische und der deutsche Episkopat an dieses so wichtige Ereignis erinnert, das möglich machte, die Wunden der Greuel des Zweiten Weltkrieges heilen zu lassen und den Weg der Vergebung, der Versöhnung und Zusammenarbeit auf kirchlichem und sozialem Gebiet zu beschreiten. Es ist wichtig, daß auch heute beide Episkopate auf der Höhe ihrer berühmten und vorausschauenden Vorgänger bleiben. Einer der Protagonisten dieser prophetischen Geste war der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyła. Durch diese Erfahrung gestärkt, hat er oft diese Formel benutzt, um Konflikte in der Welt zu lösen und besonders die Erinnerung zu heilen, um die Folgen der Kriege und die Verletzungen durch jede Art von Gewalt zu überwinden. Angesichts vieler Konflikte in der Welt, denken wir an Syrien und an den Mittleren Orient, ist es auch heute nötig, den Mut aufzubringen, diese Formel des Friedens und der Versöhnung anzuwenden: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. 
 
Die Katholische Kirche von Polen hat einen entscheidenden Beitrag zum Fall des kommunistischen Regimes geleistet und sich der Konstruktion einer Gesellschaft nicht nur ohne, sondern gegen Gott verweigert. Die Katholische Kirche in Kroatien, woher ich komme, hatte ein ähnliches Schicksal. Gerne erinnere ich an das heroische Zeugnis von Kardinal Alojzije Stepinac (1898-1960), den Erzbischof von Zagreb, den der Heilige Johannes Paul II. am 03. Oktober 1998 seliggesprochen hat. Wie er, so waren viele Hirten in den zentral- und osteuropäischen Ländern gegen die kommunistische Diktatur und verteidigten die Menschenrechte, unter denen die Religionsfreiheit das erste ist. Unter diesen großen Hirten ist auch an Kardinal Stefan Wyszyński (1901-1981) zu erinnern, den Erzbischof von Gnesen und Warschau und Primas von Polen. Die Soziallehre der Kirche, die von diesen verehrten Hirten mit Klarheit und Mut vertreten wurde, führte zur Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die ein wichtiger Schritt zum Untergang des kommunistischen Regimes war, der mit dem Fall der Berliner Mauer am 09. November 1989 ein Symbol gefunden hat. Hieran haben auch die Christen im Osten Deutschlands ihren Anteil. Diese Ereignisse haben den Aufbau eines neuen Europas ermöglicht, das nicht mehr in zwei gegnerische Blöcke geteilt ist. 
 
Wie einst, so muß auch heute die Katholische Kirche und das gläubige Volk, das von Hirten geleitet wird, den guten Kampf für die Freiheit und die Demokratie kämpfen, für einen Rechtsstaat und mit Respekt vor der ehrenvollen Geschichte, die ihr stabiles Fundament in den bleibenden Werten des Christentums hat. Das schließt, wenn nötig, die Ablehnung jeder ideologischen antichristlichen Versuchung ein, die einige ideologische Gruppen der Mehrheit der europäischen Bevölkerung aufzwingen wollen. Nach den jüngsten statistischen Daten sind die Christen in Europa eine große Mehrheit (Katholiken, Protestanten und Orthodoxe). Natürlich ist die Kirche offen für den Dialog mit allen Menschen guten Willens, auch in der säkularisierten Gesellschaft, doch behält sie dabei ihre christliche und katholische Identität. Die Katholische Kirche in Polen hat auch heute eine besondere Rolle beim Aufbau eines Europas, das die Menschenrechte und die Rechte Gottes respektiert, worauf die Würde jedes Menschen beruht, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen worden ist (vgl. Gen 1,26-27). Um ein stabiles Fundament zu haben, braucht unser Europa den Beitrag der Katholischen Kirche. Es kann nicht nur einen gemeinsamen Markt geben, einen Raum des freien Austauschs und ohne Grenzen. Es ist nötig, Europa eine Seele zu geben. Und hier kann die Kirche in Polen eine wichtige Rolle übernehmen, indem sie auf die christlichen Wurzeln ihrer Kultur verweist, welche die Gegenwart inspiriert und offen ist für die Zukunft, von der wir hoffen, daß sie vielversprechend sein wird. Bei diesem Werk hat die Kirche in Polen die Unterstützung der universalen Kirche, die vom Heiligen Vater Franziskus geleitet wird. Sie kann auf den Beitrag der Ortskirchen in vielen Ländern Europas rechnen, besonders derer in Mittel- und Osteuropa, welche die drei großen Übel des 20. Jahrhunderts erlebt haben: Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus, der am längsten dauerte. Natürlich ist bei diesem wesentlichen Prozess zum Aufbau Europas, dem gemeinsamen Haus aller Völker, die dort leben, ein ehrlicher und konstruktiver Dialog mit den anderen Ortskirchen nötig. Das gilt besonders für den mit der Katholischen Kirche in Deutschland, die große ökumenische Erfahrung und einen eindrucksvollen sozialen Dienst aufgebaut hat, der vor allem für die Menschen in Not offen ist und in jüngster Zeit für die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen. 
 
Vertrauen wir der Fürsprache der Heiligen Petrus und Paulus und besonders der seligen Jungfrau Maria die polnische Nation, das teure Europa und die ganze Welt an, damit die Gläubigen aller Länder immer mehr authentische Jünger Jesus Christi werden und überzeugte Verkünder Seines Evangeliums der Wahrheit, des Friedens, der Gerechtigkeit und der Solidarität.
Amen.