16 11 19 Predigt von Nuntius Eterovic am Fest der Hl. Elisabeth bei den Elisabethschwestern Berlin

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am Fest der Heiligen Elisabeth

Berlin, Elisabethschwestern, 19. November 2016
 

 
„Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36).
 
Liebe Schwestern! 
 
Im Evangelium, das für den liturgischen Gedenktag der Heiligen Elisabeth von Thüringen vorgesehen ist, findet sich der bekannte Satz Jesu Christi: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Diese Worte des Herrn Jesus sind uns sehr vertraut, denn der Heilige Vater Franziskus hat sie als Leitwort des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit in abgekürzter Form gewählt: „Barmherzig wie der Vater“. Wir befinden uns am Vorabend des Abschlusses des Jubiläums der Barmherzigkeit, das am 8. Dezember 2015 begonnen hat und morgen, am Fest von Christkönig sein Ende findet.
 
Ich danke der göttlichen Vorsehung, die mir erlaubt, mit Euch gemeinsam diesen bedeutsamen Gedenktag im Verlauf des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit und in Erinnerung an jene Heilige zu feiern, die das Charisma Eurer Kongregation der Schwestern von der Heiligen Elisabeth inspiriert hat. Ich danke der Provinzoberin, Schwester M. Dominika Kinder, für die freundliche Einladung. Zugleich grüße ich die Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu, die ihrer Gründung vor 100 Jahren gedenken und mit uns diese Eucharistie feiern. Es freut mich, Sie alle im Namen des Heiligen Vaters Franziskus zu grüßen, den ich die Ehre habe, in der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten. Wir alle sind vereint um den Bischof von Rom und Hirten der Universalkirche. Gerne erfüllen wir seine Bitte, für ihn und seinen wichtigen Dienst für die Einheit der Kirche zu beten. Als Zeichen der Einheit mit Papst Franziskus erteile ich Euch am Ende der Heiligen Messe gerne den Apostolischen Segen.
 
Liebe Schwestern, das Wort Gottes lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Berufung jedes Christen, besonders aber auf Eure Berufung und Sendung als Mitglieder der Kongregation der Schwestern der Heiligen Elisabeth in der Nachfolge Christi. Ich möchte bei zwei Sätzen aus dem Wort Gottes, das wir gehört haben, verweilen: 1. „Barmherzig wie der Vater sein“; 2. „nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1 Joh 3,18); um 3. die Aktualität des Beispiels der Heiligen Elisabeth zu unterstreichen. 
 
1. Barmherzig wie der Vater.
 
Dieses Wort findet sich in der Bergpredigt, der Magna Charta des Christentums. Im Lukasevangelium beginnt Jesus seine Bergpredigt als Feldrede mit den Worten: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes“ (Lk 6,20). Das heute verkündete Evangelium ist der zweite Teil jener Rede, die mit der Aufforderung des Herrn Jesus endet: „Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Lk 6,37-38). Dem Satz: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist“ (Lk 6,36) gehen die Worte Jesu voraus: „Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lk 6,35). Diese Worte zeigen auf gute Weise den Inhalt der Ermahnung, vollkommen wie unser Vater im Himmel zu sein. In der Tat, der Vater ist gütig nicht nur zu den Frommen, zu den Guten, sondern auch mit den Undankbaren und Bösen. Der Vater liebt und vergibt allen, er schenkt den Menschen umsonst die Gaben, ohne auf eine Gegenleistung zu hoffen außer der Antwort der Liebe im Glauben an Ihn. Wer auf diese Weise der barmherzigen Liebe Gottes antwortet, wird Sohn des Höchsten genannt und erhält von Ihm den Siegespreis, das ewige Leben. Barmherzig sein, das verbindet sich mit dem Ausspruch des Herrn Jesus: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Vollkommen zu sein, setzt voraus, barmherzig zu sein. Die Barmherzigkeit ist das Leben mit dem wir uns der Vollkommenheit nähern, die Gottvater eigen ist. 
 
Die Heilige Elisabeth zeigt, daß es sich nicht um ein unerreichbares Ideal handelt. Auch die Menschen, die sich vom Heiligen Geist führen lassen und am sakramentalen Leben der Kirche teilnehmen, können über die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zur Vollkommenheit voranschreiten. 
 
2. Lieben „in Tat und Wahrheit“.
 
In der ersten Lesung ermuntert der Heilige Johannes die Christen, nach dem Liebesgebot zu leben, das bekanntermaßen zwei Dimensionen hat: die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Der Christ ist hinübergegangen vom Tod zum Leben, wenn er die Brüder und Schwestern liebt. Das Fehlen der Liebe ist ein Zeichen des Todes. Das Gegenteil der Liebe ist der Hass. Während die Liebe das Leben bedeutet, zeichnet der Tod den Hass aus. Wer hasst, zerstört das göttliche Leben, das er in sich hat. Man könnte also einen Vergleich anstellen zwischen der Aussage des Apostels: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder und ihr wisst: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt“ (1 Joh 3,15) und der Lehre des Herrn Jesus: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln“ (Lk 6,27-28). Die Feinde zu lieben, bedeutet, sich vom Hass zu befreien, der im Herzen des verwundeten Menschen haust und ihn zum Knecht macht und umbringt, denn er will dem Nächsten Böses und sogar seinen Tod. Gott das Urteil über die Personen und Ereignisse zu überlassen und zu vergeben, setzt große Energien im Menschen frei und befreit von der Last des Hasses, des Unmuts und Grolls, wenn man sich darum müht, positive Beziehungen zu den Menschen und mit seiner Umgebung herzustellen. Die Vergebung drückt sich in besonderer Weise durch das Gebet und die brüderliche Hilfe aus, wenn wir für die Feinde beten und ihnen Gutes tun. 
 
Mit dieser Haltung folgen wir dem Beispiel Jesu Christi, der uns geliebt hat und sein Leben für uns dahingab. Daher „müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben“ (1 Joh 3,16). Um nicht bei einer abstrakten Reflexion zu verharren, erläutert der Heilige Johannes seine Gedanken, indem er die reichen Menschen auffordert, ihre Herzen für die Armen zu öffnen: „Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben?“ (1 Joh 3,17). 
 
3. Das Beispiel der Heiligen Elisabeth.
 
Barmherzig wie der Vater sein, Gott und den Nächsten, einschließlich der Feinde lieben, das ist keine abstrakte Forderung des christlichen Glaubens. Das beweist die Heilige Elisabeth, die dieses Ideal gelebt hat, zunächst im familiären Leben und dann, nach dem Tod des Ehemannes Ludwig IV. von Thüringen, in der Armut, indem sie das Schloss Pottenstein aufgab und in das bescheidene Haus in Marburg zog, um besser den Armen zu dienen. Mit ihren eigenen finanziellen Mitteln hat sie ein Hospital errichtet. Jeden Tag besuchte sie die Kranken zweimal und wollte den Hilfsbedürftigen selbst beistehen. Die Heilige Elisabeth wollte jene Forderung des Herrn Jesus in die Tat umsetzen, die Hungernden speisen, den Dürstenden zu trinken geben, die Fremden beherbergen, die Nackten kleiden, die Gefangen besuchen und in diesen Menschen das Gesicht Jesus Christi zu entdecken, der gesagt hat: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40)
 
Liebe Schwestern, im Namen des Heiligen Vaters Franziskus danke ich Euch für Eure Liebe zu Gott, die Euch die Kraft gibt, den Nächsten auf konkrete Weise zu lieben und so dem Beispiel der Heiligen Elisabeth zu folgen. Aus diesem Grund feiern wir den liturgischen Gedenktag der Heiligen und danken dem guten und barmherzigen Gott für ihr Leben, wobei wir darum bitten, ihr Charisma leben zu können. Die Heilige Elisabeth, die vor etwa 800 Jahren gelebt (1207-1231) hat, bleibt aktuell und zeigt uns eine zeitgenössische Lehre, das Gute aus Liebe zu Gott zu tun. Das stärkt auch Euch, die Schwestern der Heiligen Elisabeth, durch die vielfältigen Tätigkeiten in der Exerzitienarbeit, der geistlichen Begleitung, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der Seelsorge an den Kranken, den Gefangenen und in der Betreuung von Armen und Obdachlosen, in der Pflege von Kranken und alten Menschen. Hier in Deutschland, aber auch in Osteuropa und in Südamerika zeigt ihr durch Euer Wirken das barmherzige Angesicht unseres Herrn Jesus Christus. Aus dem täglichen Gebet, das ihren Höhepunkt in der Eucharistie hat, kommt Eure Verfügbarkeit für den Dienst an den Kleinsten unserer Brüder und Schwestern, wozu in jüngster Zeit auch die Flüchtlinge gehören. Ja, das Charisma der Heiligen Elisabeth ist lebendig und durch Euch dauert es fort, um die Barmherzigkeit Gottes den hilfsbedürftigen Menschen zu erweisen, denen ihr begegnet und die ihr im Herrn Jesus liebt. 
 
Die Heilige Elisabeth hatte wie alle Heiligen eine große und besondere Liebe zur seligen Jungfrau Maria, der Mutter Jesu und unsere Mutter. Ihrer mächtigen Fürsprache empfehle ich jeden von Euch und Eure Ordensgemeinschaften, damit Ihr immer tiefer „barmherzig wie der Vater“ seid und stets neu mit Wort und Tat eines Lebens aus Liebe die barmherzige Liebe unseres Gottes verkündet, der Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Amen.