16 12 10 Predigt von Nuntius Eterovic im Collegium Albertinum in Bonn

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am Samstag der zweiten Adventwoche – Lesejahr A
Bonn, Collegium Albertinum, 10. Dezember 2016
 

 
„Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Lk 3,4).
 
Liebe Brüder, liebe Seminaristen!
 
Der Advent ist eine Zeit der Erwartung. Wir warten auf das Kommen Jesu Christi, auf das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, in unserer Welt (vgl. Joh 1,14). Das Wort Gottes, das wir gehört haben, ermahnt dazu, uns gut auf die Begegnung mit dem Herrn, der kommt, vorzubereiten. Der Hallelujavers sagt das in klarer Weise: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Lk 3,4). Johannes der Täufer fordert uns darüber hinaus auf: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). 
 
In dieser Zeit sind wir eingeladen über die Bedeutung der christlichen Erwartung nachzudenken, die in der Erwartung des jüdischen Volkes gründet. Wir müssen uns aber auch an die Erwartungen der heidnischen Völker erinnern, wie auch der vielen Menschen, die neben uns leben und sich als religionslos bezeichnen oder zu nichtchristlichen Religionen gehören und daher Jesus Christus und sein Evangelium des Heils nicht genügend kennen. Natürlich ist unsere Reflexion erleuchtet vom Licht Jesu Christi und bleibt in den Grenzen einer Predigt. 
 
1. Die Erwartung Israels.
 
Die Erwartung des erwählten Volkes ist ausgerichtet auf das Kommen des Messias. Daher ist die Geschichte Israels eine Geschichte der Erwartung. Im heutigen Evangelium des Heiligen Matthäus erwähnt Jesus zwei Persönlichkeiten, die eine besondere Rolle in der Geschichte Israels gehabt haben und besonders in der Vorbereitung des Volkes auf das Kommen des Messias. Es handelt sich um den Propheten Elia, dessen Lob wir in der ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach hörten, und Johannes den Täufer, den Jesus mit Elia identifiziert (vgl. Mt 17,12). In diesen Tagen des Advents präsentiert die Kirche uns oft Teile des Buches des Propheten Jesaja, in denen er die Geburt des Messias ankündigt und ebenso seine kennzeichnenden Merkmale. Es genügt, an seine inspirierten Worte zu erinnern: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten“ (Jes 9,5-6). 
 
Der Prophet Malachia (vgl. Mal 3,23-24) hatte prophezeit, daß der Prophet Elia zurückehren würde, um auf den Messias zu zeigen. Diese Erwartung gibt es auch heute noch bei vielen Juden. Beim Ritus der Beschneidung wird ein Platz für Elia reserviert, während bei der Feier des Paschamahls ein Kelch mit Wein für Elia vorbereitet wird. Man drückt auf diese Weise das treue Warten auf die Rückkehr des Elia als den Vorläufer des Messias aus. 
 
2. Die Erwartung der Völker.
 
Auch außerhalb von Israel existierten Erwartungen eines Eingreifens vom Himmel her oder des Kommens eines mächtigen Retters, der den Frieden und die Gerechtigkeit auf Erden wieder herstellen würde. Diese Erwartungen lassen sich aus den heiligen Schriften der Religionen lesen, die es vor der Geburt Jesu Christi gab. Bei den Völkern ohne Schrift wurden ähnliche Ideen in Symbolen oder Mythen bewahrt. In der griechisch-römischen Kultur, auf der unsere Zivilisation aufruht, gab es die Figuren der Sybillen, Prophetinnen, deren Aussprüche als Vorankündigungen des Kommens des Messias verstanden worden waren und somit in die christliche Synthese aufgenommen wurden. In der christlichen Kunst im Vatikan beispielsweise gibt es Gemälde verschiedener Sybillen. Michelangelo hat davon fünf und Pinturicchio  zwölf abwechselnd mit zwölf Propheten des Alten Testamentes gemalt. Der Kult des Deus Sol invictus – des unbesiegten Sonnengottes -, der in Ägypten und Syrien entstanden ist und auch in Rom verbreitet war, wurde vom Christentum sowohl aufgenommen wie umgewandelt, um das Hochfest von Weihnachten zu feiern, den Tag der Geburt Jesu Christi, „das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,78-79).
 
3. Die christliche Erwartung.
 
Auch wir Christen erwarten das Kommen Jesu Christi in der Weihnachtsnacht. Unsere Erwartung aber ist eine ganz bestimmte. Wir erwarten den, der schon gekommen und jedem von uns begegnet ist. Das gilt insbesondere für die Begegnung mit dem Herrn in den Sakramenten, angefangen mit der Taufe. Wir können dem auferstandenen Jesus Christus oft begegnen durch das Gebet, die Liturgie, die Lektüre der Heiligen Schrift, den Beziehungen mit den Gläubigen, vor allem aber in der Feier der Eucharistie. Auch Ihr, liebe Seminaristen, seid dem Herrn Jesus Christus schon begegnet, denn ohne seinen persönlichen Ruf hättet ihr nicht entscheiden können, ihm auf dem Weg des Priestertums zu folgen, und wäret nicht in das Priesterseminar eingetreten. Die Kirche aber lädt uns ein, dem aufs Neue zu begegnen, den wir schon kennen. In dieser Zeit des Advent werden wir daran erinnert, daß es spezielle Zeiten des liturgischen Jahres gibt, in denen die Nähe des Herrn besonders stark zu spüren ist und die Menschen ihm leichter begegnen können, auch dank des Zeugnisses der Gemeinschaft der Gläubigen. Eine dieser starken Zeiten ist Weihnachten und die vier Adventssonntage, die helfen, uns gut vorzubereiten, dies zu feiern, was heißt, Jesus persönlich und inmitten der Brüder und Schwestern zu begegnen, dem Kind für uns geboren (vgl. Jes 9,5). 
 
In der Wüste von Judäa hat Johannes der Täufer die beste Art der Vorbereitung für die heilende Begegnung mit dem Herrn aufgezeigt, wenn er alle auffordert: „„Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Lk 3,4) und „kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2). Auch von uns, die wir den Messias erwarten, wird die Umkehr erwartet. Mit Blick auf die Vorwürfe, die Johannes der Täufer den Pharisäern und Sadduzäern macht, können wir die zwei Dimensionen unserer Umkehr erfassen: 
 
- die Abkehr von einer bloß oberflächlichen Religiosität, die rein rituell und legalistisch ist, damit sich das Herz dem Herrn und seiner Gnade öffnet und es „ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft“ liebt (Mk 12,33). 
 
- Diese Liebe soll unser Herz verwandeln, damit wir einfühlsamer werden für die hilfsbedürftigen Menschen, die Armen im geistlichen und materiellen Sinn. Es reicht tatsächlich nicht zu glauben, wir würden gerettet, weil wir formal zum Volk Gottes gehören und Abraham als Vater haben. Nach dem Vorläufer ist es nötig, würdige Früchte der Umkehr zu bringen (vgl. Mt 3,8). Der Heilige Vater Franziskus hat oft im Verlauf des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit die Wichtigkeit betont, die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zu vollbringen. 
 
Liebe Freunde, ich möchte betonen, daß es im Advent vom christlichen Standpunkt aus wichtig ist, sich der Erwartung Israels und der heidnischen Völker bewußt zu machen. Diese Reflexionen erlauben uns, die Frohe Botschaft besser zu erfassen, die uns Jesus Christus offenbart hat und die uns und alle Getauften dazu aufruft, diese mit Worten, vor allem aber durch ein gutes Beispiel des Lebens zu verkündigen. Einige werden gerufen, im klassischen Sinne in den Ländern, wo die Menschen Jesus Christus und sein Evangelium noch nicht kennen, Mission zu betreiben. Aber auch in unseren europäischen Ländern, auch in Deutschland, gibt es viele, die Jesus Christus nicht kennen, weil sie nicht getauft sind oder sich von der Kirche entfernt haben oder nichtchristlichen Religionen angehören. Auch sie erwarten das Kommen des Herrn, oft ohne sich dessen voll bewußt zu sein. Das drückt sich in den verschiedenen Weisen der Suche nach dem Sinn des Lebens, des Glücks, der wahren Liebe etc. aus. Möge unsere Vorbereitung auf Weihnachten dazu helfen, ihre Erwartungen zu verstehen und Weisen zu finden, auch ihnen den Herrn Jesus Christus zu verkünden, welcher „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) für alle und für jeden ist. 
 
Vertrauen wir diese Mission der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter der Erwartung. Sie hat neun Monate lang Jesus in ihrem Schoß getragen, in freudiger Erwartung, ihn ans Licht der Welt zu bringen. Sie möge den Weg eines jeden von Euch begleiten, nicht nur in diesem Advent, sondern Euer ganzes Leben hindurch. Amen.