17 04 02 Predigt von Nuntius Eterovic am 5. Fastensonntag

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Predigt S.E. Apostolischer Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 5. Fastensonntag – Passionssonntag – LJ A

Berlin, 2. April 2017


 
„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 9,5).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Fastenzeit nähert sich ihrem Höhepunkt. Mit dem kommenden Palmsonntag beginnt die Heilige Woche, jene Zeit, in der die Kirche in besonderer Anteilnahme den Tod und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus erlebt. Der Weg der Fastenzeit bereitet uns auf dieses Ziel vor, Jesus Christus zu begegnen, der für uns gelitten hat, der ungerecht zum Tode verurteilt wurde, der aber am dritten Tag von den Toten auferstanden ist. Auf diesem Weg nimmt der fünfte Fastensonntag einen besonderen Platz ein; ebenso das Nachdenken über den Tod und die Auferweckung von Lazarus, einem lieben Freund Jesu. Es handelt sich um eine der großen katechetischen Etappen, welche die Kirche allen vorgibt, besonders den Katechumenen, die sich auf die Taufe in der Osternacht vorbereiten. Um ein Gesamtbild zu erhalten, erinnern wir uns der voraufgehenden Stufen. Am ersten Fastensonntag haben wir über die Versuchungen Jesu reflektiert (vgl. Mt 4,1-11) und am zweiten über die Verklärung unseres Herrn auf dem Berg Tabor (vgl. Mt 17,1-9). Nach den Meditationen über die Begegnung Jesu mit der samaritanischen Frau (vgl. Joh 4,5-42) am dritten Fastensonntag, so folge am vierten die Erzählung über den Blindgeborenen (vgl. Joh 9,-41). 
 
Die Erzählung der Auferweckung des Lazarus ist reich und besonders. Ich möchte bei unserer Meditation bei drei Punkten verweilen: 1. Die Vorbereitungen Jesu; 2. die Begegnung mit Marta und Maria; 3. die Auferweckung des Lazarus. 
 
1. Die Vorbereitungen Jesu.
 
Jesus Christus war der Freund von Lazarus aus Bethanien und seiner Schwestern Maria und Marta. So sagt es das Johannesevangelium: „Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus“ (Joh 11,5). Die beiden Schwestern ließen Jesus die Nachricht übermitteln, daß Lazarus krank sei, und haben ihn auf diskrete Weise eingeladen, nach Bethanien zu kommen und ihn zu heilen. Aber Jesus handelte anders. Er ist noch zwei Tage an dem Ort geblieben, wo er sich befand. Den Willen Gottes, seines Vaters wollte er erfüllen. Und der Wille des Vaters war es nicht, Lazarus von einer Krankheit zu heilen, wie es übrigens Jesus schon viele Male bei anderen Kranken getan hat. Er wusste, daß der Vater von ihm ein größeres Wunder erwartete und sagte daher: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden“ (Joh 11,4). Dem Herrn war klar, daß Lazarus schon tot war, wie er es im Gespräch mit den Jüngern sagte: „Lazarus ist gestorben. Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt“ (Joh 11,14-15). 
 
Um den Willen Gottvaters zu erfüllen und aus Freundschaft zu Lazarus, ist Jesus von Galiläa nach Judäa zurückgekehrt, wo er viele Anfeindungen erfahren hatte. Kurz zuvor wollten ihn einige Juden während des Tempelweihfestes steinigen, weil er seine tiefe Beziehung zum Vater kundgetan hatte: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Auch die Jünger erinnerten sich der Feindseligkeit und wunderten sich, daß Jesus nach Bethanien ziehen wollte, das sich in Judäa befindet, etwa drei Kilometer von Jerusalem entfernt. Sie sind Jesus gefolgt und waren bereit, sein Schicksal zu teilen, was Thomas, genannt Didimus zum Ausdruck bringt: „Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben“ (Joh 11,16). 
 
2. Die Begegnung mit Marta und Maria
 
Die Begegnung Jesu mit den beiden Schwestern des Lazarus ist menschlich sehr bewegend und reich an theologischem Inhalt. Die Erzählung beschreibt gut die Charaktere von Marta und Maria. Marta ist aktiv, dynamisch, spontan im Reden und großzügig im Verhalten. Maria ist eher nachdenklich, introvertiert, emotional. Ohne in die zahlreichen Einzelheiten ihrer Gespräche mit Jesus einzugehen, möchte ich bei der Reflektion über die Auferstehung der Toten verweilen. Jesus lenkt das Gespräch mit Marta auf dieses Thema und es gelingt, ihren Glauben an die Auferstehung der Toten zu beleben, und das nicht erst am letzten Tag, wie zur Zeit Jesu viele geglaubt haben. Er offenbart sich Marta als derjenige, der jetzt schon auferwecken und den Menschen das Leben geben kann. Insofern sie mit Ihm vereint sind, werden sie nicht mehr sterben. Die Worte Jesu sind klar und für die Gläubigen aller Zeiten bedeutsam: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25-26). 
 
Marta übernimmt die Initiative und ruft Marta mit Worten voller menschlicher und geistlicher Bedeutung: „Der Meister ist da und lässt dich rufen“ (Joh 11,28). Jesus wollte auch Maria begegnen, der anderen Schwester von Lazarus, um sie zu trösten und einzuladen, ihn zum Grab des Bruders Lazarus zu führen. Sobald sie die gute Nachricht hörte, daß Jesus sie ruft „stand sie sofort auf und ging zu ihm“ (Joh 11,29). In der Begegnung mit Maria spricht Jesus mehr durch Gesten als durch Worte, sein Weinen inbegriffen. Als er Maria weinen sieht und auch die Juden, die sie begleiteten, ist Jesus tief bewegt, und „auch er weinte“ (Joh 11,35). Die Tränen von Maria bringen Jesus zum Weinen. Die Worte der Leute in der Nähe: „Seht, wie lieb er ihn hatte“ unterstreichen die tiefe Freundschaft zwischen Jesus, Lazarus und seinen Schwestern. Die Tränen Jesu beim Tod des Lazarus zeigen seine Anteilnahme am Schmerz von Maria und Marta um ihren lieben Verstorbenen. Es handelt sich um eine Erfahrung, die jeder Mensch, der auf diese Welt kommt, macht. Im Weinen Jesu erfassen wir seine Anteilnahme auch an unseren Schmerzen, besonders beim Tod naher und lieber Menschen, der uns trifft. Die Heilige Schrift erinnert an ein noch anderes Weinen Jesu, jenes über die heilige Stadt Jerusalem, deren Zerstörung er voraussah (vgl. Lk 19,41-44). Daher sind es nicht nur persönliche Aspekte, die den Herrn Jesus bewegen, sondern auch die der Gemeinschaft, des Volkes. Er ist Gott und Mensch, uns auch in unseren persönlichen, familiären und gemeinschaftlichen Leiden nahe. 
 
3. Die Auferstehung des Lazarus.
 
Nach der Begegnung mit Maria entscheidet Jesus zu handeln, und er fragt: „Wo habt ihr ihn bestattet?“ (Joh 11,34). Am Grab des Lazarus angekommen, lässt er den Stein wegräumen, der das Höhlengrab verschloss, in dem Lazarus schon vier Tage lag. Er sammelte sich im Gebet, „erhob seine Augen“ (Joh 11,41), um sich an Gottvater mit Worten voller Vertrauen zu wenden, wie es dem Gottessohn eigen ist. Bevor er das Wunder tat, hat Jesus dem Vater gedankt. Er war überzeugt, nach seinem Willen das Wunder der Auferweckung des Lazarus zu tun. Damit ihn die anderen hören konnten, sprach der den Lobpreis mit lauter Stimme: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast“ (Joh 11,41-42). Mit dem Ruf: „Lazarus, komm heraus“ (Joh 11,43) steht sein Freund Lazarus auf. Und mit den Worten: „Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen“ (Joh 11,44), hat er ihn in sein gewohntes Leben zurückkehren lassen. Das heutige Evangelium endet mit der Feststellung: „Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn“ (Joh 11,45). 
 
Liebe Brüder und Schwestern, dieses Wunder fordert auch uns heraus. In dieser Fastenzeit, vor dem Skandal der Passion und dem Tod des Herrn Jesus Christus, bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott, unseren Glauben an die Auferstehung Jesu Christi zu stärken, den Erstgeborenen der Toten, Unterpfand unserer Auferstehung. Vertrauen wir unsere Bitten der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter der Schmerzen, welche die Leiden Jesu, ihres Gottessohnes geteilt hat und danach sich über seine glorreiche Auferstehung freute, für die jene des Freundes Lazarus ein Zeichen war. Amen.