17 02 08 Impuls von Nuntius Eterovic beim Europasalon - Freundeskreis Europa Berlin e.V.

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Impuls
des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
beim Europasalon - Freundeskreis Europa Berlin e.V.

Berlin, 8. Februar 2017


 
„Was ist los mit dir, Europa?“ (Papst Franziskus)
 
Sehr geehrter Herr Liepelt, 
meine verehrten Damen und Herren!
 
Als Papst Franziskus im vergangenen Jahr in Rom der Internationale Karlspreis verliehen wurde, rückte der Heilige Vater am Beginn seiner Ansprache die düstere Situation in Europa und das daraus entstandene nie dagewesene Neue nach 1945 in den Mittelpunkt: die Einigung Europas. „Nach vielen Teilungen fand Europa endlich sich selbst und begann sein Haus zu bauen“ (06.05.2016). Am Beginn dieser Selbstfindung stehen gläubige Menschen, Männer und Frauen, die um des Gemeinwohls aller Völker willen die Zeit des Hasses in eine Zeit der Freundschaft verwandelt sehen wollten. Die Namen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle stehe für alle Zeiten für die epochale Aussöhnung von Deutschland und Frankreich. In der von den Deutschen stark beschädigten Krönungskirche der französischen Könige, der Kathedrale von Reims, haben am 07. Juli 1962 diese beiden Katholiken sinnenfällig vor Gott und Menschen ihren Willen zur Versöhnung zum Ausdruck gebracht. 
 
Politiker wie Robert Schuman und Alcide de Gasperi wussten darum, daß Frieden und Freiheit unter den Völkern einerseits eine Gnade waren, andererseits aber sehr fragil sind, wenn Menschen sie nicht aufnehmen wie einen Schatz. Mit den Worten des Heiligen Paulus können wir sagen: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7). Vor den Mitgliedern des Europäischen Parlamentes in Straßburg hat der Papst am 25. November 2014 den Dreh- und Angelpunkt dieses großen Projektes gezeigt, wenn er sagt: „Im Mittelpunkt dieses ehrgeizigen politischen Planes stand das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person“. 
 
Es scheint mir wichtig, Ihnen heute gerade dies in Erinnerung zu rufen, wenn ich als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland hier in Berlin zu Ihnen spreche – als Freund Europas zu Freunden unseres geliebten Kontinentes. Ich danke Ihnen herzlich für die Einladung, mit Ihnen heute Abend sprechen zu können. Denn auf die sehr drängende Frage des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche: „Was ist los mit dir, Europa?“ sollten wir eine Antwort finden, die Bestand hat angesichts der Geschichte von Humanität und Kultur, die in unseren Ländern einst so hoch in Blüte gestanden haben, weil unsere Vorfahren wussten oder zumindest ahnten, worauf sich die Würde der Person gründete: auf den Glauben an den guten und barmherzigen Gott, der in Jesus Christus ein Mensch wie wir geworden ist. 
 
Noch immer ist die Mehrheit Europas christlich (743,1 Millionen Menschen 2015 in Europa, davon 508,3 Millionen – 510,1 Millionen im Jahr 2016 - in der Europäischen Union, davon im Jahr 2016 82,2 Millionen in Deutschland). Diese Tatsache mag uns helfen, „uns von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, um mutig dem vielschichtigen mehrpoligen Kontext unserer Tage zu begegnen und dabei entschlossen die Herausforderung anzunehmen, die Idee Europa zu „aktualisieren“ – eines Europa, das imstande ist, einen neuen, auf drei Fähigkeiten gegründeten Humanismus zur Welt zu bringen: Fähigkeit zur Integration, Fähigkeit zum Dialog und Fähigkeit, etwas hervorzubringen“ (Papst Franziskus, Karlspreis, 06.05.2016). 
 
Das europäische Haus, wo die Menschen in Frieden und Freiheit leben, ist trotz aller Erfolge eine Baustelle geblieben. Die europäische Einigung, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs so wunderbar vorangeschritten war und nach Jahrzehnten der ideologischen Trennung nunmehr wieder „mit beiden Lungenflügeln atmen“ konnte, wie es der Heilige Johannes Paul II. ausdrückte, ist ein andauernder Prozess. Hierfür sollten wir die Vision des heiligen Papstes zu Europa wiederentdecken, das vom Atlantik bis zum Ural reicht, ein Europa als gemeinsames Haus aller Völker und aller europäischen Nationen. Diese Vision ist ein Prozess, wie der Heilige Vater Franziskus vor dem Europarat in Straßburg sagt: „Es handelt sich um einen ständigen Prozess, der niemals als gänzlich vollendet betrachtet werden kann. Genau das haben die Gründungsväter erfasst; sie verstanden, dass der Friede ein Gut ist, das fortwährend errungen werden muss und das größte Wachsamkeit erfordert. Sie waren sich bewusst, dass die Kriege aus der Absicht entstehen, Räume in Besitz zu nehmen, die weiterlaufenden Prozesse einzufrieren und zu versuchen, sie aufzuhalten; dagegen suchten sie den Frieden, der nur verwirklicht werden kann in der ständigen Haltung, Prozesse in Gang zu setzen und sie voranzubringen“ (25.11.2014). Wie sehr wir in Europa wachsam sein müssen, erleben wir in diesen Zeiten sehr deutlich. 
 
Der Papst ist der Oberste Pontifex, der Brückenbauer, der den Menschen auch in Europa die Freude am Evangelium (Evangelii gaudium) vermitteln möchte, die es braucht, um den großen Traum eines neuen Humanismus ins Leben zu rufen. Diesen Traum hat er bei der Verleihung des Karlspreises beschrieben. Hierzu braucht es immer wieder die Anstrengungen der Integration von Menschen und Kulturen, des Dialogs von Wissenschaft und Religion und den Willen, etwas zum Gemeinwohl hervorzubringen und nicht nur einem herrschenden Individualismus zu dienen oder die vielfältigen Egoismen zu pflegen. „Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, (ist) ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!“ (Papst Franziskus vor dem Europaparlament, 25.11.2014). 
 
Seit der Errichtung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zum 1. Januar 1958 durch die Römischen Verträge vom 25. März 1957 sind 60 Jahre vergangen. Mit dem Fusionsvertrag von Brüssel vom 8. April 1965 wurde die Europäische Gemeinschaft (EG) zum 1. Juli 1967 geschaffen. Die Europäische Union (EU) wurde mit dem Vertrag von Maastricht vom 7. Februar 1992 als übergeordnetes (politisches) Dach der EG als eigenständiger Rechtspersönlichkeit zum 1. November 1993 gegründet. Mit dem Vertrag von Lissabon (Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft) vom 13. Dezember 2007 fusionierten die EG und die EU zum 1. Dezember 2009. Wir haben damit einen ausreichend langen Zeitraum, um zu verstehen, daß sich Europa nicht nur in der Aufhebung von Grenzen oder dem gemeinsamen Wirtschaftsraum verwirklicht. Das ist alles sehr wichtig, aber nicht ausreichend. Europa braucht eine Seele, die der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung Sinn gibt. Um Europa eine Seele zu geben braucht es eine geistig-geistliche Einigung, eine gemeinsame Auffassung über die ethischen und moralischen Werte, die Zentralität der menschlichen Person, die Wichtigkeit der Familie und deren Offenheit für das Leben, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Menschenrechte, von denen das Recht auf Religionsfreiheit den ersten Platz einnimmt. Das Christentum hat bei diesem Prozess eine wesentliche Rolle. Denn sie ist Teil des europäischen Gedächtnisses und beseelt die Gegenwart. Das Christentum im ehrlichen und konstruktiven Dialog mit den anderen Religionen und Weltanschauungen sollte daher auch Teil der europäischen Zukunft sein, von der wir die weitere Entwicklung im materiellen und geistig-geistlichem Sinn erwarten – für die Europäer und in der Konsequenz für alle Nationen in der Welt.  
 
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.